Neuer Anzeiger Sulgen

Sonntag, 5. September 2010

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Dienstag, 20. Juli 2010 | Nr. 53

«Ich kann ganz hoch springen»

Riedt. Drei Wochen verbringt Justin aus Deutschland diesen Sommer bei Karin und Werner Gnädinger. Das Ehepaar aus Riedt lädt im Rahmen des Programms Kovive seit über zehn Jahren Kinder aus sozial benachteiligten Familien zu sich in die Ferien ein.

Hannelore Bruderer

Karin und Werner Gnädinger mit Wirbelwind Justin im Garten.

Karin und Werner Gnädinger mit Wirbelwind Justin im Garten.

Lange hält es das achtjährige Energiebündel Justin nicht auf der Sonnenliege im Garten von Karin und Werner Gnädinger aus. Dort sitzt er überhaupt nur, um zu erzählen, was er schon alles während seiner ersten Ferienwochen in der Schweiz erlebt hat. Der quirlige Bub aus dem Osten Deutschlands ist eines der gut 1300 sozial benachteiligten Kinder, welche jedes Jahr durch das Kinderhilfswerk Kovive in Schweizer Gastfamilien vermittelt werden. Bei ihnen können sich die Kinder erholen und eine unbeschwerte Zeit verbringen. «Wir sind auf einen hohen Berg gefahren mit einer Gondelbahn. Auf so einem hohen Berg war ich noch nie. Und gestern habe ich einen Heissluftballon gesehen, ganz nah über unserem Haus», die Worte sprudeln nur so aus Justins Mund. «Und abends kriege ich immer ein Joghurt und darf duschen. Ich kann auch ganz hoch springen. Wollen Sie sehen?» Schon sprintet er los, baut auf der Wiese mit Spielzeugeimern und einem Plüschball ein wackeliges Hindernis auf, das er von allen Seiten her überspringt. Seit über zehn Jahren nimmt das Ehepaar Gnädinger Ferienkinder auf. Ihre eigenen Kinder sind erwachsen und haben selber Kinder, die manchmal zu Besuch kommen und dann mit dem kleinen Feriengast spielen. «Justin ist zum ersten Mal bei uns», sagt Karin Gnädinger. «Wir hatten auch schon Kinder, die mehrmals hier waren. Zu fast allen pflegen wir bis heute Kontakt.»

Schwierige Lebensumstände

Er sei durch eine Kollegin auf das Kovive-Programm aufmerksam gemacht worden, sagt Werner Gnädinger, der als Krankenpfleger arbeitet. «Seither verbringen wir unsere Ferien eben so», lacht er. Er sei sich bewusst, dass die Kinder danach wieder in ihr Umfeld zurückkehren und dass sich an ihren schwierigen Lebensumständen durch den Ferienaufenthalt kaum etwas ändert. Dennoch, durch den Einblick in eine für sie fremde Welt würden die Kinder beginnen, gewisse Dinge zu hinterfragen. Noch etwas ausser Puste, lässt sich Justin in den Liegestuhl fallen. Er umarmt einen der fünf Windhunde, welche das Ehepaar Gnädinger in Spanien vor dem sicheren Tod gerettet hat. Justin mag Tiere und die Natur. Er erzählt von seinem Besuch auf einem Bauernhof. Dort hat ein Kälbchen seine Hand geleckt und er durfte die Kühe füttern. Aber auch das Verhalten der grossen Spinne, die hinter dem Gartenhaus in ihrem Netz sitzt, hat er schon erforscht. Karin Gnädinger erzählt, dass ihr Justin im Garten geholfen hat. «Hier auf diesem Bild, das er gemalt hat, da sieht man bei allen Blumen auch die Wurzeln in der Erde. Er war ganz erstaunt, als er entdeckte, was da alles noch im Boden steckt.» «Ich male noch ein viel grösseres Bild», sagt Justin und rast los, um es zu holen. Dann überlegt er es sich plötzlich anders und kommt wieder zurück. Er hat noch mehr zu erzählen. «Auf dem Affenberg waren wir auch. Ich habe die Affen mit Popcorn gefüttert und selber auch davon gegessen», grinst er. «Dort habe ich auch eine Karte an meine Familie geschrieben.» Heimweh kennt Justin nicht. «Das ist bei jedem Kind anders», weiss Werner Gnädinger. Ebenso verschieden ist der familiäre Hintergrund jedes Ferienkindes. Das Spektrum reicht von finanziellen Nöten und überforderten Eltern bis hin zu Kriminalität und Gewalt. Immer einfach sei es mit den kleinen Feriengästen deshalb nicht, sagen Gnädingers.

Grosse Flugzeuge sehen

Justin ist noch eine gute Woche bei ihnen. In dieser Zeit möchte er noch viel erleben. «Wir waren zwar schon beim kleinen Flughafen, jetzt möchte ich aber noch die grossen Flugzeuge starten und landen sehen», wünscht er sich mit grossen, fragenden Augen. «Ja, ich denke, das werden wir in den nächsten Tagen noch machen», verspricht Karin Gnädinger. Dann hält es den energiegeladenen Bub endgültig nicht mehr auf seinem Stuhl. Freudig springt er auf. «Gehen wir jetzt mit den Hunden spazieren?»

Hilfswerk Kovive

Das Schweizer Kinderhilfswerk Kovive mit Sitz in Luzern setzt sich seit 56 Jahren für Kinder in Not ein. Jedes Jahr erleben 1300 sozial benachteiligte Kinder aus dem In- und Ausland erholsame Ferientage bei Schweizer Gastfamilien, in Kinderlagern sowie in Familienferien. Über 2000 Freiwillige engagieren sich für das Kinderhilfswerk. Die Arbeit von Kovive wird finanziert von privaten Spenderinnen und Spendern sowie von Beiträgen gemeinnütziger Institutionen, Kirchgemeinden und Firmen. (hab)

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