Freitag, 19. Juni 2026
Bürglen. Schritt für Schritt durch die Jahrhunderte: Bürglen begeistert ab sofort mit einer neuen Städtliführung, die verborgenen Schätze, dramatische Pestzeiten und das einstige Stadtrecht wieder lebendig werden lässt.
Wer durch die beschaulichen Gassen von Bürglen schlendert, denkt kaum an wehrhafte Stadtmauern, tief fallende Steine oder dramatische Zeiten, in denen die Pest die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft hatte. Doch genau diese Geschichten atmet das historische Pflaster des Städtchens. Zehn Jahre lang haben die engagierten Schlossführer Einblicke in das herrschaftliche Gemäuer hoch über der Thur gewährt, nun schlagen sie ein neues Kapitel auf: Exklusiv für Behördenmitglieder und Medienvertreter fand die Premiere der neuen Städtliführung statt. Ein Rundgang, der die geladenen Gäste tief in die bewegte, oft überraschende Vergangenheit Bürglens eintauchen liess und zeigte, wie viel Historie in den Winkeln des Dorfes steckt.
Bürglen genoss Stadtrecht
Der Treffpunkt für diese historische Premiere könnte symbolischer nicht sein: die geschichtsträchtige Mühle Bürglen. «Sie ist so alt wie das Städtchen selbst, überstand Grossbrände, trotzte verheerenden Hochwassern und bildet den idealen Startpunkt für eine Reise in die Vergangenheit», sagte Tourführer Roman Pretali. Von hier aus führte der Weg direkt hinein in die Epoche, als Bürglen weit mehr als ein beschauliches Thurgauer Dorf war. Kaum jemand weiss heute noch, dass der Ort im Jahr 1359 das offizielle Stadtrecht erhielt. Wehrhafte Mauern und mächtige Tore sicherten das Leben der Bürgerinnen und Bürger. Der Rundgang führte die Gruppe dorthin, wo einst das Haupttor an der Heidengasse und Brunnenstrasse die Menschen empfing oder abwies.
Lebendig schilderte Pretali, wie es im 14. und 15. Jahrhundert zuging. «Die Stadtmauer war zwar nie ganz perfekt ausgebaut, doch ihre Überreste erzählen Geschichten», erklärte Pretali. Am Haus Enz, dem letzten Zeugen an der Schlossgasse 2, lässt sich die einstige Wucht der Befestigung noch erahnen. Mit einer Sockelbreite von über einem Meter trotzte sie den Jahrhunderten. «Dass die Mauern im Jahr 1878 schliesslich abgerissen wurden, hatte einen pragmatischen Grund», erzählte Pretali, «Es war schlicht zu gefährlich geworden, da immer wieder schwere Steine auf die Strasse krachten.»
Weiter ging es durch das charmante Gassensystem aus Vordergasse (Heidengasse), Hintergasse (Schlossgasse) und Steingasse (Brunnenstrasse). Hier wurde der Rundgang zur sozialen Zeitreise. Pretali zeigte auf, wie strikt das Leben früher aufgeteilt war: In den kleinen Häusern der Heidengasse drängten sich Rebbauern und Tagelöhner, während an der Schlossgasse und Brunnenstrasse die wohlhabenderen Handwerker und Küfer ihr Auskommen fanden. Der Rundgang sparte auch die düsteren Kapitel nicht aus. Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert suchten sage und schreibe zehn Pestwellen den Ort heim. «Allein im Jahr 1629 merzte der schwarze Tod ein Drittel der Dorfbevölkerung aus», berichtete Pretali. Die darauffolgende Welle von schnellen Heiraten und Geburten, bei denen man es mit dem Verwandtschaftsgrad plötzlich nicht mehr ganz so streng nahm, sorgte bei den Zuhörenden für ein Schmunzeln.
Bürglen war schon immer ein Pflaster für resolute Köpfe. Das bewies Pretalis Anekdote zur alten Thurbrücke an der Schlosshalde. Als der Kanton im 19. Jahrhundert den Abbruch der mühsam errichteten Brücke forderte, stellten sich kurzerhand 400 entschlossene Männer dem Abbruchteam entgegen. Der Kanton lenkte ein – ein früher Triumph des lokalen Zusammenhalts. Auch der Humor kam an der neuen Städtliführung in Bürglen nicht zu kurz: An der Heidengasse 4 erfuhr die Gruppe, dass die modebewussten Damen einst so lange Hutnadeln trugen, dass die Zugkondukteure die herausstehenden Spitzen kurzerhand mit einer Zange abzwackten, um die Mitreisenden zu schützen.
Wirtshausschlachten und Schulstreitigkeiten
Ein Raunen ging durch die Reihen, als die Sprache auf die unglaubliche Dichte an Gaststätten kam. Fast 30 Restaurants prägten im Laufe der Jahrhunderte das gesellschaftliche Leben. Ob das geschichtsträchtige «Schwert», der «Ochsen», der «Frohsinn» oder das «Restaurant Viktoria» an der Schützenstrasse: hinter jeder Fassade stecken Geschichten. «Letzteres, im Jahr 1902 erbaut, zog mit seiner eigenen Bocciabahn vor allem die vielen italienischen Gastarbeiter an», sagte Pretali. Das wilde Treiben ging dem damaligen Pfarrer jedoch so sehr gegen den Strich und raubte ihm den Schlaf, dass er wütend mit dem Wegzug drohte. Dies bewog die Gemeinde schliesslich dazu, ein neues Pfarrhaus an der Friedhofstrasse zu errichten. Auch das Schulwesen bot Zündstoff für jahrzehntelange Fehden. Elf Jahre lang stritt man sich im 19. Jahrhundert um das erste Gemeindeschulhaus, und nicht besser wurde es beim Bau des Oberstufenschulhauses 1965. Weil sich Bürglen, Erlen und Sulgen von Weinfelden lösen wollten, kam es zu einem erbitterten Standortstreit. Der Kanton entschied sich für Sulgen, doch die Bürgler akzeptierten das nicht und bauten trotzig ihre eigene Schule. (bs)
Am Samstag, 5. September, 10 Uhr, findet die erste offizielle Städtliführung statt. Anmeldungen sowohl für die Städtli-, als auch die Schlossführung können ab sofort über die Webseite der Gemeinde getätigt werden.
Benjamin Schmid
