Freitag, 10. April 2026
Erlen. Seit drei Jahrzehnten verbindet der Landfrauenverein Erlen und Umgebung Frauen aus der Region. An der gut besuchten Hauptversammlung wurde nicht nur zurückgeblickt, sondern auch deutlich: Die Zukunft des Vereins hängt vom Engagement der nächsten Generation ab.
Es ist ein Verein mit Geschichte und mit Herz. Der Landfrauenverein Erlen und Umgebung feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Rund 80 Mitglieder zählt er heute und gehört damit zu den grösseren Landfrauenvereinen im Kanton Thurgau. Seine Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück: Bereits 1949, also vor 77 Jahren, wurde eine Frauenkommission der landwirtschaftlichen Genossenschaft Riedt gegründet. 1996 folgte dann die offizielle Vereinsgründung – ein Schritt, der bis heute nachwirkt. «Dass unser Verein nach all den Jahren noch besteht, erfüllt mich mit Freude», sagt die Kontaktfrau Pierangela Sturzenegger. «Wir hatten Höhen und Tiefen, aber die Gemeinschaft unter den Frauen hat immer getragen.»
Mit Herz und Humor
Ende März wurde das Jubiläum im Rahmen der Hauptversammlung gefeiert. Ein Anlass, der nicht nur organisatorisch wichtig ist, sondern auch emotional. «Die grosse Anteilnahme hat mich sehr berührt», erzählt Sturzenegger. Besonders in Erinnerung geblieben ist ein überraschender Auftritt des Theatervereins AachThurLand aus Sulgen, der bereits bei der Begrüssung für Verwirrung sorgte und mit mehreren Sketches die Versammlung auflockerte und sogar beim Service unterstützte. «Das war ein wunderschöner Moment, der gezeigt hat, wie stark wir in der Region vernetzt sind.» Auch ein Blick in die Zukunft sorgte für Zuversicht: Zwei neue Vorstandsmitglieder stellten sich zur Wahl an diesem Abend. «Das ist für uns enorm wichtig», betont Sturzenegger, denn genau hier liegt eine der grössten Herausforderungen.
Der Landfrauenverein war über Jahrzehnte hinweg ein Ort der Begegnung, des Lernens und des Austauschs. Früher standen Koch- und Kreativkurse, Weiterbildungen in der Landwirtschaft oder gemeinsame Ausflüge im Zentrum. «Die Frauen waren sehr aktiv», erinnert sich Sturzenegger. «Und vieles davon ist geblieben, aber die Art hat sich verändert.» Heute seien viele jüngere Frauen berufstätig, mobiler und flexibler. Die Interessen sind ähnlich geblieben, aber sie werden spontaner und individueller gelebt. Klassische Vereinsstrukturen hätten es dadurch schwerer. Auch das Bild der «Landfrau» hat sich gewandelt. «Früher dachte man dabei automatisch an eine Bäuerin», sagt Sturzenegger. Heute sind es Frauen vom Land, viele arbeiten Teilzeit in ihrem Beruf, sind gut ausgebildet und finanziell unabhängiger. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Verein wider. Während das Jahresprogramm früher stark auf aktive Kurse ausgerichtet war, wird es heute zunehmend an die Bedürfnisse einer älteren Mitgliedschaft angepasst. Lange Reisen oder aufwendige Kurse stehen weniger im Vordergrund, dafür sind gemütliche Anlässe wie Spielnachmittage oder Minigolf sehr beliebt.
Gemeinschaft, die trägt
Gerade für ältere Mitglieder ist der Verein ein wichtiger sozialer Anker. «Der Austausch und die gemeinsame Zeit sind sehr wertvoll», sagt Sturzenegger. «Viele schätzen es, regelmässig zusammenzukommen und sich auszutauschen.» Traditionen wie der Landfrauentag – ein kantonaler Anlass mit Vortrag und musikalischer Begleitung – sind nach wie vor Höhepunkte im Vereinsjahr. Und doch bleibt die Frage nach der Zukunft. Nachwuchs zu finden, ist schwierig. «Das ist unser grösstes Problem», sagt Sturzenegger offen und ergänzt: «Nicht nur bei den Mitgliedern, sondern vor allem im Vorstand.» Der Verein stand in seiner Geschichte sogar schon einmal kurz vor der Auflösung. Damals haben sich in letzter Minute neue Vorstandsmitglieder gefunden – wie auch jetzt wieder, das hat den Verein für die nächsten Jahre gerettet. Heute hofft man erneut auf Engagement aus der jüngeren Generation. Denn klar ist: Ohne aktive Frauen im Vorstand wird es langfristig nicht weitergehen.
Trotz aller Herausforderungen bleibt der Vorstand optimistisch, zumindest vorsichtig. «In zehn oder zwanzig Jahren wird es unseren Verein nur noch geben, wenn sich Frauen bereit erklären, Verantwortung zu übernehmen.» Der persönliche Wunsch ist klar: «Ich hoffe, dass wir es schaffen, diesen Frauenverein aufrechtzuerhalten. Es wird so viel für Frauenrechte gekämpft, da ist es wichtig, dass Frauen auch Orte haben, an denen sie sich austauschen und gemeinsam etwas gestalten können.» Und genau das ist es, was den Verein seit 30 Jahren ausmacht: eine Gemeinschaft von Frauen, die sich gegenseitig stärken, unabhängig von Alter, Beruf oder Herkunft. Oder, wie es Pierangela Sturzenegger zusammenfasst: «Über das Jahr verteilt treffen sich junge und jung gebliebene Frauen, tauschen sich aus, lernen Neues und geniessen gemeinsame Erlebnisse.» Ein leiser, aber beständiger Wert, gerade in einer Zeit, in der vieles schneller, digitaler und unverbindlicher geworden ist.
Benjamin Schmid
