Freitag, 10. April 2026
Kradolf-Schönenberg. Mit seinem leuchtenden Blau und Orange verzaubert der Eisvogel Naturfreunde in der ganzen Schweiz. Nun wurde der seltene Jäger zum Vogel des Jahres 2026 gekürt. Auch in unserer Region ist der «blaue Pfeil» heimisch und doch stark gefährdet.
Wenn er wie ein schillernder Blitz knapp über die Wasseroberfläche schiesst, hält man unwillkürlich den Atem an. Der Eisvogel gehört zu jenen Vogelarten, die man nie vergisst, wenn man ihn einmal gesehen hat. Mit seiner Wahl zum Vogel des Jahres 2026 rückt BirdLife Schweiz einen gefiederten Botschafter ins Rampenlicht, der für intakte Gewässer, Dynamik und biologische Vielfalt steht – aber auch für Verletzlichkeit. Einer, der den Eisvogel gut kennt, ist Samuel Jung, Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Aach-Sitter-Thur (AST). Der 29-jährige Oberuzwiler arbeitet als Biologielehrer in St. Gallen und beobachtet den farbenprächtigen Vogel seit Jahren in der Region. «Faszinierend am Eisvogel ist sicherlich sein prächtiges Gefieder, das je nach Lichtverhältnissen schillert», sagt Jung. «Aber auch seine Fähigkeit, Bruthöhlen tief in Steilwände zu graben oder mit höchster Präzision kleine Fische zu jagen, ist beeindruckend.»
Ein Indikator für Gewässer
Dass der Eisvogel in unserer Region vorkommt, ist kein Zufall, sondern ein Zeichen für ökologische Qualität. Er benötigt klare, fischreiche und naturnahe Gewässer. Fehlt nur eines dieser Elemente, verschwindet auch der Eisvogel. «Das Vorhandensein des Eisvogels gibt Hinweise auf die Wasserqualität eines Gewässers», erklärt Jung. «Wenn Insektenlarven fehlen, finden Jungfische keine Nahrung. Fehlen die Jungfische, fehlt wiederum die Nahrungsgrundlage für den Eisvogel und das ganze Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht.» Im Gebiet Aach–Sitter–Thur gibt es mehrere Nachweise des Eisvogels, unter anderem am Oberen Wehr in Schönenberg. Dieser Abschnitt wurde renaturiert und bietet heute eine auenartige Ufersituation.
«Solche naturnahen Wasserflächen sind für den Eisvogel entscheidend», so Jung. «Dort findet er Nahrung, Sitzwarten und geeignete Strukturen.» Trotzdem bleibt der Vogel oft unentdeckt. Seine scheue Lebensweise und schwer zugängliche Brutplätze erschweren genaue Bestandsabschätzungen. «Erfahrenen Beobachterinnen und Beobachtern gelingt es jedoch, ihn regelmässig zu sehen, besonders auf Ansitzästen etwa einen Meter über der Wasseroberfläche», sagt Jung.
Bedrohte Brutplätze
So farbenprächtig der Eisvogel ist, so empfindlich reagiert er auf Störungen. Verbauungen, fehlende Steilufer und die Zerschneidung von Lebensräumen setzen ihm stark zu. «Natürliche Steilhänge, in denen der Eisvogel brütet, werden immer seltener», erklärt Jung. «Leider gibt es in unserer Region zu wenig geeignete Brutplätze.» Abhilfe könnten künstliche Brutwände schaffen oder das bewusste Belassen von Wurzeltellern umgestürzter Bäume. «Diese können langfristig als Brutplätze dienen», betont der Biologe. Besonders kritisch sind zudem strenge Winter. Frieren die Gewässer zu, findet der Eisvogel keine Nahrung. «Dann kann er nicht überleben», sagt Jung offen. Ganzjährig offene Wasserflächen sind für den Vogel überlebenswichtig.
Auch Freizeitaktivitäten entlang der Flüsse bergen Risiken. «Der Eisvogel ist ein sehr scheuer Vogel», warnt Jung. «Insbesondere seine Nisthöhlen und deren unmittelbare Umgebung sollten unbedingt gemieden werden.» Rücksicht sei ein zentraler Faktor für seinen Schutz.
Ein Botschafter mit Wirkung
Schweizweit wird der Bestand auf lediglich 400 bis 500 Brutpaare geschätzt. Dennoch besitzt der Eisvogel eine grosse symbolische Kraft. «Seine grösste Stärke als Botschafter der Natur ist sein farbenprächtiges Federkleid», sagt Jung. «Je mehr Menschen sich für ihn interessieren, desto grösser ist die Bereitschaft, sich auch für den Schutz seines Lebensraums einzusetzen.» Idealerweise, so Jung, wirke der Eisvogel als Türöffner für den Schutz ganzer Ökosysteme. Nicht nur für auffällige Arten, sondern auch für weniger bekannte wie den Flussregenpfeifer oder die Wasseramsel. Für die kommenden Jahre wünscht sich der Präsident des AST vor allem eines: «Dass es uns gelingt, naturnahe Fliessgewässer zu fördern, welche dem Eisvogel und vielen weiteren Arten einen passenden Lebensraum bieten.» Nur so könne dieser faszinierende Vogel auch künftig als lebendiger Beweis für sauberes Wasser und gesunde Natur durch unsere Region fliegen.
Benjamin Schmid
