Freitag, 9. Oktober 2026

Buchackern. Sechsmal pro Woche trainiert Lars Friedli, nebenbei absolviert der 18-Jährige seine Schreinerlehre. Dass sich der Aufwand auszahlt, zeigte sich nun in Lugano: Bei der Schweizermeisterschaft im Halbmarathon lief der junge Athlet der LAR Bischofszell auf den dritten Platz. Dabei stand sein Start wenige Tage zuvor noch auf der Kippe.

Als Lars Friedli in Lugano die Ziellinie überquerte, war die Medaille zunächst Nebensache. «Im Ziel habe ich das noch gar nicht realisiert, weil ich einen Hustenanfall hatte.» Eine Woche zuvor hatte der 18-Jährige noch mit Fieber im Bett gelegen. Erst rund eine halbe Stunde nach dem Rennen wurde ihm langsam bewusst, was er erreicht hatte. «Aber wirklich glauben konnte ich es da immer noch nicht.»

Dabei war der junge Athlet mit anderen Vorstellungen nach Lugano gereist. Ursprünglich wollte er den Halbmarathon in etwa einer Stunde und 15 Minuten absolvieren. Die Grippe machte ihm einen Strich durch die Rechnung. So ging er ohne grossen Druck ins Rennen – ganz ohne Ambitionen allerdings nicht. «Insgeheim habe ich schon mit dem Podest geliebäugelt.»

Vom OL auf die Laufbahn

Zum Laufsport kam Lars Friedli über den Orientierungslauf. Bereits als 13-Jähriger absolvierte er Lauftrainings und wollte sich darin weiterentwickeln. So landete er bei der Läufergruppe der LAR Bischofszell – und blieb hängen. «Es hat mir einfach solchen Spass gemacht.» Schnell zeigte sich auch, dass seine Stärken weniger im Sprint als auf längeren Strecken liegen. Am wohlsten fühlt er sich auf Distanzen ab 3000 Metern.

Heute ist Laufen ein fester Bestandteil seines Alltags. Warum er dafür sechsmal pro Woche die Schuhe schnürt, beantwortet der Sportler denkbar unkompliziert: «Ganz einfach: Ich mache es gerne.»

Montags, mittwochs und samstags steht in Amriswil Bahntraining auf dem Programm, hauptsächlich Intervalle. Dienstags, donnerstags und sonntags folgen Dauerläufe. Nur freitags bleiben die Laufschuhe stehen. Auf diese Weise kommen jede Woche zwischen 60 und 70 Kilometer zusammen. Und das neben einer körperlich fordernden Ausbildung. Lars Friedli befindet sich im dritten Lehrjahr als Schreiner bei der Erich Keller AG in Sulgen. Einen grossen Unterschied zwischen Berufs- und Sportalltag macht er dabei nicht. «Alles eine Frage der Planung. Nach dem Arbeiten heisst es: Laufschuhe schnüren und los gehts.»

Schwieriger wird es, wenn er auf dem Bau arbeitet oder bereits um 5 Uhr morgens beginnen muss. Dann fehlt auch ihm gelegentlich die Lust. Während der Wettkampfsaison kommt ein ausgelassenes Training für ihn trotzdem kaum infrage. Im Winter nimmt er es etwas lockerer und ersetzt eine Laufeinheit auch einmal durch Krafttraining zu Hause.

Familie hält den Rücken frei

Wichtig auf seinem sportlichen Weg ist die Unterstützung seiner Familie. Seine Eltern stehen hinter ihm, und auch die Fahrdienste zu Trainings und Wettkämpfen weiss der Läufer zu schätzen. «Die mentale Unterstützung von meiner Familie ist sehr wichtig.»

Seine Freunde wundern sich bisweilen über sein Pensum. Wobei Lars Friedli zumindest im Verein nicht alleine ist: «Meine Freunde dort sind ähnliche Spinner.» Von den Kollegen in der Berufsschule bekomme er dagegen öfter ein «Lieber du als ich» zu hören. Auch am Arbeitsplatz trifft er auf Verständnis: Dort sei man eine ziemlich sportliche Truppe.

Viel Freizeit bleibt neben Lehre und Training naturgemäss nicht. Lars Friedli verbringt Ferien mit seiner F9amilie, fährt im Winter Ski und steigt gelegentlich aufs Rennvelo. Letzteres dient ihm zugleich als Alternativtraining.

Mit dem dritten Platz in Lugano soll der Weg noch lange nicht zu Ende sein. Seine Stärke sieht Lars Friedli klar in der Ausdauer, beim Tempo gebe es dagegen noch Luft nach oben. Oder, wie er es selbst ausdrückt: «Nicht mehr den Anker werfen, ist das Ziel.»

Auch seine nächsten Marken hat der 18-Jährige bereits im Kopf: Über 5000 Meter möchte er die 15-Minuten-Grenze knacken, im Halbmarathon soll es irgendwann in Richtung eine Stunde und zehn Minuten gehen. Dass er bereit ist, dafür Kilometer zu sammeln, steht ausser Frage. Sechsmal die Woche – weil er es eben gerne macht.

Stefan Böker / red