Freitag, 9. Oktober 2026
Bürglen/Sulgen. Die Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau möchte die kantonseigenen Liegenschaften Rossweid und Süesse in Bürglen und Sulgen kaufen und dort ein kantonales Tierschutzzentrum aufbauen.
Nach jahrelanger Suche könnte die Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau einen geeigneten Standort an der Weinfeldenstrasse 1 zwischen Bürglen und Sulgen gefunden haben. Die Parzellen Nr. 973 (Bürglen) und Nr. 1085 (Sulgen) bieten aus Sicht von Stiftungspräsidentin Lisa Goldinger gleich mehrere Vorteile: Sie liegen zentral im Kanton, stehen für sich und Wohngebiete befinden sich in grösserer Entfernung.
Mehr als ein Tierheim
Auf dem Gelände stehen bereits ein Wohnhaus, Scheunen sowie Ställe für Schweine, Kleintiere und Geflügel. Die Gebäude werden derzeit nicht genutzt, lediglich eine Scheune ist verpachtet. Die Stiftung möchte sämtliche Gebäude übernehmen und für ihre Zwecke sanieren. Entstehen soll dabei weit mehr als ein klassisches Tierheim. Neben Unterkünften für Tiere sind Schulungsräume, Büros sowie Wohnungen für Personal und Betriebsleitung vorgesehen. Die Stiftung versteht das Projekt zugleich als Informations- und Kompetenzzentrum für Tierschutz. Auch Schulklassen sollen dort künftig Wissen über die artgerechte Haltung von Tieren vermittelt bekommen. Dieses Konzept verfolgt die Stiftung bereits seit ihrer Gründung im Mai 2025.
Die geplanten Kapazitäten sind beträchtlich. Rund 20 Hunde und 70 Katzen sollen gleichzeitig aufgenommen werden können. Dazu kommen Plätze für etwa 50 Igel, 30 Nager, 200 Schildkröten, 100 Schlangen und Echsen sowie 50 Vögel.
Eine solche zentrale Einrichtung fehlt im Thurgau bislang. Die regionalen Tierschutzvereine arbeiten mit kleineren und teilweise provisorischen Einrichtungen. Dazu gehören beispielsweise die Igelstation Frauenfeld, die Wildvogelstation Kreuzlingen, die Pfotenvilla in Wigoltingen und eine Katzenstation in Romanshorn.
System ist am Anschlag
Gerade wenn Tiere kurzfristig untergebracht werden müssen, stösst dieses System an Grenzen. Nicht alle Einrichtungen sind rund um die Uhr erreichbar. Auch Polizei und Rettungsdienste verfügen damit nicht über eine einzige Anlaufstelle, an die sie sich jederzeit wenden können. Hinzu kommen die gestiegenen Anforderungen an die professionelle Tierbetreuung. Die einzelnen Vereine benötigen entsprechende Bewilligungen und Fachpersonal, wenn sie Tiere aufnehmen und vermitteln wollen. Für kleinere Organisationen ist das alleine nur schwer zu stemmen. «Tierliebe und Erfahrung reichen leider nicht mehr», sagt Lisa Goldinger. Mit einem gemeinsamen Zentrum könnten Personal, Infrastruktur und Fachwissen gebündelt werden. «Mit dem Zentrum gibt es einen Platz für alle.»
Die Stiftung wird von den regionalen Tierschutzvereinen sowie dem Thurgauischen Tierschutzverband und der Tierhilfe Schweiz getragen. Ihr erklärtes Ziel ist ein Auffangzentrum für herrenlose und andere hilfsbedürftige Tiere aus dem Heimtier- und Exotenbereich sowie für Igel.
Eine lange Suche
Bis zu dieser möglichen Lösung war es ein langer Weg. Die Idee eines gemeinsamen Thurgauer Tierheims besteht schon seit vielen Jahren. Einen entscheidenden Schritt machten die Organisationen im Mai 2023, als die Präsidentinnen und Präsidenten der Tierschutzvereine zusammenkamen und eine gemeinsame Arbeitsgruppe bildeten. Zwei Jahre später wurde die Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau gegründet.
Schwierig blieb vor allem die Standortfrage. Über mehrere Jahre wurden zahlreiche Möglichkeiten geprüft. Bereits 2024 hatten die Verantwortlichen mit dem Hundeheim «Border Homeless» in Kradolf ein Objekt ins Auge gefasst. Das Vorhaben kam jedoch nicht zustande.
Danach konzentrierte sich die Planung auf den Weiler Bethlehem bei Homburg. Dort hatte die Stiftung ein Grundstück mit Wohnhaus, Scheune und angrenzendem Land geerbt. Noch Anfang dieses Jahres wurden konkrete Pläne für ein Tierschutzzentrum vorgestellt. Bei Teilen der Nachbarschaft stiessen diese jedoch auf Widerstand. Befürchtet wurden vor allem Hundegebell und zusätzlicher Verkehr.
Homburg bleibt eine Option
Dass nun Rossweid und Suesse ins Spiel kommen, bedeutet allerdings nicht das Ende für den Standort in Homburg. «Wir fahren aktuell zweigleisig, was die Standorte angeht», sagt Lisa Goldinger. Die Einwände aus der Nachbarschaft seien zwar Teil der Überlegungen gewesen, aber nicht ausschlaggebend dafür, weiter nach Alternativen zu suchen. Sollte das eigentliche Tierschutzzentrum schliesslich in Bürglen und Sulgen entstehen, könnte Bethlehem eine andere Aufgabe erhalten. «Unsere Vision wäre ein kleiner Gnadenhof als Ergänzung zum Tierschutzzentrum», sagt Lisa Goldinger.
BTS sei Dank
Dass die beiden Parzellen überhaupt zur Verfügung stehen, hängt mit der Bodensee-Thurtal-Strasse BTS zusammen. Der Kanton kaufte 2022 die beiden Grundstücke mit 10 919 Quadratmetern in Bürglen und 5158 Quadratmetern in Sulgen. Die darauf stehenden Gebäude waren ursprünglich als Abbruchobjekte für das Strassenprojekt vorgesehen.
Mit dem Abbruch wurde jedoch zugewartet. Inzwischen benötigt der Kanton die Liegenschaften weder für die BTS noch für die operative Tätigkeit des Tiefbauamtes. Nun sollen sie zum ermittelten Marktwert von 1,97 Millionen Franken an die Stiftung verkauft werden.
Auf eine öffentliche Ausschreibung soll verzichtet werden, weil der Tierschutz die Liegenschaften unmittelbar für eine öffentliche Aufgabe verwenden will. Für einen möglichen späteren Strassenausbau behält der Kanton Teilflächen in Bürglen und Sulgen zurück.
Die Stiftung muss die bestehenden Gebäude sanieren und für ihre neuen Aufgaben umbauen. Wie viel das kostet, lässt sich derzeit noch nicht beziffern. «Die finanziellen Mittel für den Kauf und den Beginn der Bauarbeiten sind jedoch vorhanden», sagt Lisa Goldinger. Einen grossen Teil tragen die Tierschutzvereine, welche die Stiftung gegründet haben, und damit deren Mitglieder und Legat-Geber. Weitere Gelder sollen von Stiftungen, Institutionen und privaten Grossspendern kommen. Sobald die Baubewilligung vorliegt, will die Stiftung eine grössere Finanzierungskampagne starten. Unterstützung erfährt das Projekt bereits jetzt. Hunderte Spenderinnen und Spender hätten Beiträge geleistet, sagt Stiftungspräsidentin Goldinger. Auch die Zahl der öffentlich eingetragenen Befürworter nähere sich der Tausender-Marke. «Dafür sind wir enorm dankbar.» Die Stiftung sammelt bereits heute ausdrücklich für Planung, Standortsuche, behördliche Schritte und die Realisierung des Zentrums.
Frühestens Anfang 2029
Bevor auf der Rossweid gebaut werden kann, muss jedoch zunächst der Grosse Rat dem Verkauf der kantonseigenen Liegenschaften zustimmen. Erst danach kann die Stiftung das Baugesuch einreichen. Selbst wenn es keine Einsprachen gibt, rechnet Lisa Goldinger mit gut einem Jahr, bis die Baubewilligung vorliegt. Für Sanierung und Umbau dürfte nochmals ungefähr ein Jahr benötigt werden. Im besten Fall könnte das Tierschutzzentrum deshalb Anfang 2029 seinen Betrieb aufnehmen.
Stefan Böker / red
