Freitag, 28. November 2025
Sulgen. Das alte Tanklöschfahrzeug des Feuerwehr-Zweckverbands Sulgen–Kradolf-Schönenberg kommt künftig in der Ukraine zum Einsatz. Hanspeter Kernen, bis Ende Mai noch Mitglied des Sulger Gemeinderats, fungierte als Überbringer.
Fahrzeuge im Dienst der Feuerwehr sind speziell. Nicht nur wegen der roten Lackierung, des durchdringenden Martinshorns und der blau blinkenden Lichter auf dem Dach. Sie tanzen auch deshalb aus der Reihe, weil sie selbst nach Jahrzehnten nur eine vergleichsweise kurze Distanz zurückgelegt haben und in der Regel noch gut im Schuss sind. Eingeholt und überholt werden diese Fahrzeuge allerdings vom technischen Fortschritt und den gesetzlichen Vorschriften. Dieses Schicksal hat auch das Fahrzeug «Sulgen 1», ein im Jahr 2000 in Betrieb genommenes Tanklöschfahrzeug (TLF) der Marke Mercedes Benz, ereilt.
Antrag eines Gemeinderats
Was tun in einer solchen Situation? Mit dieser Frage musste sich die letztjährige Delegiertenversammlung des Zweckverbandes befassen. Man hätte das TLF dem Lieferanten des neuen Fahrzeugs zu einem Preis im niedrigen fünfstelligen Bereich verkaufen können. Es kam aber anders. Auf Antrag eines Gemeinderats wurde beschlossen, das alte TLF «als Zeichen der Solidarität» in die Ukraine zu bringen und einer dortigen Feuerwehr zur Verfügung zu stellen. Die im vergangenen September durchgeführte DV gab grünes Licht für diese Option. Nachdem das alte TLF Ende Oktober beim Strassenverkehrsamt abgemeldet worden war, erhielt es ein bis Ende November gültiges Exportnummernschild, lautend auf TG 900530.
Doch wie soll das Fahrzeug in die Ukraine kommen? Das war die nächste Frage, die beantwortet werden musste. Für diesen nicht alltäglichen Auftrag stellte sich Hanspeter Kernen zur Verfügung. Der 69-jährige ehemalige Sulger Gemeinderat ist im Besitz des erforderlichen Führerscheins und chauffiert auch nach seiner Pensionierung immer wieder Reisecars quer durch Europa. In Zusammenarbeit mit der Non-Profit-Organisation «Schweiz Ukraine Charity» (SUCh), die sich der humanitären Hilfe für Menschen in der Ukraine verschrieben hat, konnte der Fahrzeugtransfer durchgeführt werden.
Am Mittwoch, 12. November, war es so weit: Das TLF (Leergewicht: 10 Tonnen, Gesamtgewicht: 14,5 Tonnen) wartete, mit diversem ausgemustertem Feuerwehrmaterial beladen, beim Auholzsaal auf die Abfahrt. Um 15 Uhr machte sich Hanspeter Kernen in Begleitung von Franck Labourey, einem erfahrenen Ukraine-Kenner aus den Reihen von SUCh, auf den Weg. In einem Personenwagen der Berit-Klinik folgte ihnen der Arzt Paul-Michael Bodler, der über reiche Erfahrung beim Überbringen von medizinischen Hilfsgütern und Ambulanzfahrzeugen in die Ukraine verfügt. In diesem Auto war als zweiter Fahrer Christian Flemming mit dabei. Den Kontakt mit dem Mediziner hatte Feuerwehr-Vizekommandant Michael Geiger hergestellt.
200 Liter Diesel
Über Bregenz, Nürnberg, Dresden, Görlitz und Breslau erreichte das Quartett bereits am Donnerstagvormittag die Stadt Rzeszów unweit der polnisch-ukrainischen Grenze. Rund 1350 Kilometer waren bis dahin zurückgelegt und rund 200 Liter Diesel verbraucht. «Das Verkehrsaufkommen war gering und so kamen wir rasch vorwärts», sagt Kernen. Dank der guten Vorbereitung, dem Besitz aller erforderlichen Papiere und der Doppelbesetzung in beiden Fahrzeugen sei bis auf wenige kurze Unterbrechungen für den Fahrerwechsel und das Nachtanken eine Nonstop-Fahrt möglich gewesen.
«Schweiz Ukraine Charity»
An der Übergabe des TLF in der Ukraine nahm Kernen nicht mehr teil. Diese erfolgte durch die Vertreter der Organisation «Schweiz Ukraine Charity» in der 70 Kilometer entfernten ukrainischen Stadt Lwiw, die in der Donaumonarchie Lemberg hiess. Zum Einsatz kommen wird das Fahrzeug aber nicht dort, sondern nochmals 875 Kilometer weiter östlich in Sumy, einer rund 270 000 Einwohner zählenden Stadt in der Nähe der Grenze zu Russland und somit im Kriegsgebiet. Die für Einsätze nötigen Instruktionen hielt Fahrzeugchef Emilio Garcia auf Videofilmen fest, den englischen Kommentar dazu steuerte Aldo Ringger bei. Interessantes Detail: Bei der Ankunft in Sumy wies der Kilometerzähler des 25 Jahre alten TLF gerademal eine Gesamtdistanz von rund 26 000 Kilometern aus. Das bedeutet, dass das Fahrzeug rund zehn Prozent seiner Kilometerleistung allein auf der Fahrt von Sulgen nach Sumy erbracht hat.
Am Donnerstagnachmittag, 13. November, sass Kernen bereits im Flugzeug, das ihn von Rzeszów via Warschau zurück in die Schweiz brachte. Um neun Uhr abends traf er wohlbehalten in Sulgen ein.
«Eine Herausforderung»
Kernens Einsatz nahm somit bereits nach 30 Stunden ein glückliches Ende. «Es war keine Routine, sondern durchaus eine Herausforderung, der ich mich aber gerne gestellt habe», lautet sein Fazit. Im Nachhinein bereut es Kernen einzig, das TLF nicht bis Lwiw begleitet zu haben. Garantien, dass das Fahrzeug in die richtigen Hände kommt, habe man nicht, räumt Kernen ein, doch er vertraue auf die Seriosität der Organisation, die den Transfer in die Wege geleitet hat. Alle damit verbundenen Ausgaben berücksichtigt, kommt die Überführung des TLF den Feuerwehr-Zweckverband Sulgen–Kradolf-Schönenberg laut Kernen auf knapp 1500 Franken zu stehen.
Georg Stelzner
