Freitag, 16. Januar 2026

Schönenberg. Die Leitung des historischen Bauteillagers ist eine vielseitige und herausfordernde Aufgabe. Seit 2019 ist Urs Neuhauser damit betraut. Doch seine Pensionierung naht. Nun sucht die Denkmalstiftung einen Nachfolger, der in den nächsten Jahren eingearbeitet werden kann, um das Lager dann eines Tages mit gleich viel Intensität und Herzblut zu leiten.

Es ist eine enorme Sammlung, die Interessierte im Historischen Bauteillager Ostschweiz vorfinden. Ein Rundgang durch die verschiedenen Lagerhallen und die Mühlenscheune wird zur Entdeckungsreise, auf dem es vom jahrhundertealten Biberschwanzziegel über Vintage-Lichtschalter aus den 50er-Jahren bis zu kompletten Kachelöfen aus abgerissenen Bauernhäusern so viele Bauteile und eigenwillige Objekte gibt, dass Laien der Kopf schwirrt. Fachmänner hingegen bekommen glänzende Augen – und an diese richtet sich das Angebot auch hauptsächlich. Denn das Bauteillager ist gemäss Eigendefinition «weder Trödelmarkt noch Shoppingcenter». Vielmehr geht es darum, regionales Kulturgut zu retten und denkmalgerecht wiederzuverwenden.

Herr über dieses einzigartige Labyrinth ist Urs Neuhauser. Bevor er beim Bauteillager anfing, war der Zimmermann Polier in einem grossen Holzbaubetrieb. Heute führt er Handwerker und Bauherren durch die Hallen und hilft ihnen mit seiner Expertise, passende Teile zu finden. Der Leiter des Bautteillagers wird unterstützt von seinem Stellvertreter Jörg Affolter und von Selina Kramer, die für die Ofensammlung zuständig ist. Stets arbeiten mehrere Teil­nehmende von Integrations- und Beschäfti­gungs­pro­gram­men in Schönenberg. Sie helfen, Teile zu sortieren oder aufzubereiten – und sind manchmal sogar dabei, wenn es um den Ausbau von bedeutendem Material aus Abbruchhäusern geht.

Kundenkontakt gehört dazu

Zusätzlich zur Koordination des Teams und dem Anlernen der Mitarbeitenden fällt der Kundenkontakt in seinen Bereich. Dabei handelt es sich um eine vielfältige Aufgabe, die Wissen und Gespür erfordert. Wenn die Besucher sich vorab anmelden und erklären, was sie suchen, kann Neuhauser Artikel vorbereiten. So kommt während des Rundgangs eine ältere Dame vorbei, um zwei Zahngläser mit den entsprechenden Halterungen für ihr Bad abzuholen. Sie freut sich, als sie auch noch die passenden Handtuchhalter entdeckt. In einer anderen Ecke stehen Toilettenschüsseln mit seltenen WC-Deckeln aus Holz bereit. Im Türenlager hat der Chef eine Holztür plus eisernem Gitter für einen Bauunternehmer aus der Region reserviert.

Ausseneinsätze gehören ebenfalls zum Job. So kann es vorkommen, dass Neuhauser zu einem Sanierungsprojekt fährt und der Bauherrin verschiedene historische Dachziegel mitbringt. Und dann gibt es natürlich noch die richtig grossen Projekte mit Prestige. Etwa wenn das Team spezialisierten Handwerkern hilft, eine komplette historische Holztäfelung einzubauen. Solche Projekte werden genau dokumentiert. «Aber auch sonst stellen wir sicher, dass alle Teile einen passenden Platz finden», erklärt der Leiter des Lagers. «Wer einfach eine alte Tür für seine Eventbude möchte oder einen alten Schlüssel als Wanddekoration, ist in einer Brockenstube vielleicht besser aufgehoben.»

Was wird gerettet?

Urs Neuhauser entscheidet zudem, welche Schätze es verdienen, gerettet zu werden. Wird ein Haus abgerissen, bekommt das Bauteillager von der Kantonalen Denkmalpflege Bescheid. Möglicherweise lohnt es sich, Türen oder Parkettböden zu bergen? Da das Bauteillager mittlerweile bekannt ist, melden sich Handwerker, Sammler oder Hausbesitzer auch direkt, um etwas anzubieten. Längst ist die Tätigkeit des Schönenberger Teams nicht mehr nur auf den Thurgau beschränkt, sondern umfasst auch die Nachbarkantone. Bisher gibt es mit dem Thurgau und mit St. Gallen eine Leistungsvereinbarung. «Kooperationen mit weiteren Kantonen wären wünschenswert», so Neuhauser.

Nicht zuletzt muss der Leiter des Bauteillagers auch in der Lage sein, selbst zu bauen. Erst vor Kurzem konnte Neuhauser ein Hochregal günstig erstehen. Jetzt steht es auf einem 60 Quadratmeter grossen Platz, den das Team selbst betoniert hat. Zu einem späteren Zeitpunkt wird das Areal dann überdacht – und wiederum zur Heimat für Raritäten aus der reichen Baugeschichte der Ostschweiz.

Stefan Böker