Freitag, 16. Januar 2026

Erlen. Elke Tanner, 56, arbeitet hauptberuflich als Immobilienverwalterin und Sekretärin. Dank ihrer freien Zeiteinteilung im Homeoffice kann sie sich jedoch fast immer Zeit nehmen – sei es tagsüber, abends oder am Wochenende –, um Worte zu finden, die trösten: Als freie Trauerrednerin gestaltet sie einfühlsame Abschiedsfeiern, die Angehörigen Halt geben. Im Porträt erzählt sie vom Weg zu diesem Dienst, von Verlusten, Ritualen und davon, was ihr Kraft schenkt.

Nebel liegt noch über den Wiesen, als der Journalist bei Elke Tanner auf der Veranda steht. An ihrer Seite ist ihr Hund, ein Vogel zieht seine Kreise, und drinnen liegen Notizbücher und ein Laptop, eine Kerze brennt – stille Werkzeuge für eine Arbeit, die viel mit Präsenz zu tun hat. «Am Vorabend der Feier habe ich alles vorbereitet, was ich am nächsten Tag brauche, nur so kann ich ruhig schlafen», sagt sie mit der Ruhe einer Frau, die seit Jahren gelernt hat, in stürmischen Momenten klare Abläufe zu schaffen.

Freie Zeremonienleiterin

Elke Tanner lebt seit 2008 im Thurgau und seit sechs Jahren in Riedt bei Erlen. Ihre beruflichen Wurzeln liegen im Kaufmännischen: Bankausbildung, Weiterbildung zur Sekretärin, dazu eine lebenslange Liebe zu Sprache und Text. Schreiben war schon früh ihr Ausdrucksmittel und Lesen ihr Rückzugsort.

Der Wunsch, freie Trauerzeremonien zu gestalten, entstand aus eigener Erfahrung. Zwei sehr tragische persönliche Verluste mit unpersönlichen Abdankungen haben sie geprägt. «Eine danach stattgefundene Trauerfeier mit einer freien Zeremonie hat mir gezeigt, wie anders und persönlich ein Abschied sein kann», sagt sie.

Tanner ist konfessionslos, glaubt an eine höhere Kraft, aber nicht an einzelne Religionen. Ihr war wichtig zu zeigen, dass auch ohne Kirche würdige Abschiede möglich sind. Sie absolvierte bei der ­Zeremonienakademie die Ausbildungen zur freien Trau- und Trauerrednerin sowie einen Ergänzungskurs für Taufzeremonien. Hochzeiten bietet sie bewusst nicht an. «Im Bereich Trauer fühle ich mich sehr passend und fühle mich ‹angekommen›», sagt sie. Dankbar ist sie auch dafür, dass ihr Angebot so gut angenommen wird, ganz ohne jemals aktiv für «Wortfunkeln.ch» geworben zu haben.

Worte, Rituale, Vertrauen

Wie bereitet man eine Abschiedsrede vor? Die Chemie zwischen Tanner und den Angehörigen muss stimmen, nur so kann es eine würdige Abschiedsfeier geben. Und Ruhe ist im Gespräch auch wichtig, ein offenes Gespräch kann sich mit Zeitdruck nicht entwickeln. Sie hört zu, ohne zu werten; Vertraulichkeit ist für sie heilig. Notizen werden nach der Rede vernichtet. Sprache ist ihr Werkzeug: «Der Verstorbene kann nicht wirklich gewürdigt werden ohne die richtigen Worte», sagt sie. Worte können trösten, aber auch verletzen, deshalb wägt sie sorgsam ab, welche Anekdoten sie erzählt und wo Schweigen angemessener ist. Ein gelungenes Zeichen an der Feier sei für sie, «wenn die Angehörigen und auch andere Anwesenden nach der Abschiedsfeier auf mich zukommen und berührt sind».

Rituale mögen schlicht sein: Kinder, die einen Stein bemalen und ihn ins Grab legen, das gemeinschaftliche Anzünden einer Kerze, stille Momente. «Überhaupt ist mir sehr wichtig, dass niemand sich gedrängt fühlt, ein Ritual mitzumachen», betont sie. Trauer dürfe viele Gesichter haben – Tränen ebenso wie ein Schmunzeln über eine Anekdote. «Es gibt kein richtig oder falsch.»

Tanner spricht offen über eigene Verluste: Nach dem Tod ihrer Mutter fand sie Trost am Gedanken, dass ihr Leiden nach schwierigen letzten Monaten vorüber war und sie gehen durfte. Unfassbarer war der Femizid an ihrer Schwester vor sieben Jahren. «Ich habe monatelang nur funktioniert und war fast schon verzweifelt, nicht weinen zu können. Irgendwann sind die Tränen geflossen und das hat sich sehr befreiend angefühlt», erzählt sie. Auch diese persönlich erlittene Trauer hilft ihr, empathisch zu bleiben und Grenzen zu setzen: «Ich kann mich recht gut abgrenzen, ich denke das liegt an meinem Alter und der damit verbundenen Lebenserfahrung.»

Was gibt ihr Kraft? «Das Wissen, dass Zeit zwar nicht alle Wunden heilt, der Schmerz aber irgendwann immer mehr in den Hintergrund treten wird.» Eine Freundin gab ihr einst das Bild einer Welle: Wenn man ganz unten ist, kann es nur noch aufwärts gehen. Dieses Bild hat sie getragen.

Professionell und menschlich

Tanner will kein Effekthascher sein: Sie ist «kritischer geworden», sagt sie, wenn sie unpersönliche Abdankungen oder ihrer Meinung nach zu esoterische Zeremonien erlebt. Gleichzeitig spricht sie offen die Chancen freier Feiern an: «Die Feier kann ganz nach den Wünschen der Angehörigen gestaltet werden.» Und sie wünscht sich, dass die Kirchen freie Zeremonienleiterinnen nicht als Konkurrenz sehen, sondern als Ergänzung. Die Rückmeldung der Hinterbliebenen ist für sie Bestätigung und Berufung zugleich. Immer wieder berichtet sie von Menschen, die nach einer Feier sagen, wie froh sie über die persönliche Gestaltung sind. Manchmal kommen Briefe im Nachgang – zu persönlich, um sie öffentlich zu teilen und gerade deshalb so bewegend.

Kleine Anker im Alltag

Privat sind Familie, Natur und Fotografie ihre Quellen: «Zeit mit meiner Familie und auch die Natur, ein schöner Sonnenaufgang an einem See», nennt sie als Inspirationen. Sie liebt Makro- und Langzeitaufnahmen, Velotouren und ihre Sheltie-Hündin – kleine Anker im Alltag, die ihr Leben ordnen. Ihre Botschaft an andere lautet knapp und doch tröstlich: «Alles hat seinen Sinn, auch wenn man nicht gleich weiss, welchen.» Das mag wie ein Trostwort klingen, doch bei Tanner hat es Gewicht, weil es aus erfahrener Not und aus dem Können, Worte sorgfältig zu wählen, entsteht.

Wenn in Riedt bei Erlen wieder eine Zeremonie vorbereitet wird, wird meist am Vorabend alles bereitgelegt: Tücher und Kerzen zur Dekoration der Beisetzungsfeier, Zubehör für eine symbolische Handlung, um loslassen zu können, die Rednermappe mit der Lebensgeschichte des Verstorbenen, aber auch technisch nötiges Zubehör. Am nächsten Tag geht sie mit ruhiger Stimme zum Ort der Feier – das kann eine Abdankungshalle, die freie Natur oder auch ein Ort sein, zu dem der Verstorbene eine besondere Beziehung hatte. Für Tanner ist das kein Job-Ritual, sondern Berufung: «Wenn ich das Gefühl habe, vor allem die Angehörigen wirklich erreicht zu haben, dann spüre ich: Ich habe den richtigen Beruf gewählt.»

Zum Abschied steht sie noch einen Moment in der Tür, blickt hinaus in den dunstigen Garten, atmet tief und sagt: «Ich bin für jeden einzelnen Tag dankbar.» Das klingt nicht nach Pathos, sondern nach einer gelebten Haltung und nach jemandem, der bereit ist, anderen im Abschied beizustehen mit Worten, mit Stille und immer authentisch.

Freie Trauerfeier?

Bei der freien Trauerfeier wird von einer Person Abschied genommen, ohne dass die leitende Person eine kirchliche Funktion innehat. Die Zeremonie kann dabei auf einem Friedhof oder an jedem passenden Ort stattfinden.

Benjamin Schmid