Donnerstag, 30. April 2026
Region. Ab diesem Sommer erhalten alle Familien im Gebiet der VSG Region Sulgen Beiträge für vorschulische Förderung, unabhängig von der Sprache. Ein neues Modell ersetzt das Murmelhaus und setzt auf Durchmischung in den Spielgruppen statt auf Separation.
Was brauchen Kinder, um gut in der Schule zu starten? In der VSG Region Sulgen fällt die Antwort klar aus: frühe Förderung, die allen offensteht. Mit dem neuen Modell, das ab Sommer 2026 umgesetzt wird, wagen die Gemeinden Sulgen und Kradolf-Schönenberg gemeinsam mit der VSG Region Sulgen einen mutigen und gleichzeitig logischen Schritt. Heute bringen Kinder bei Schuleintritt sehr unterschiedliche sprachliche und soziale Voraussetzungen mit. Während bisher nur fremdsprachige Kinder kostenlosen Zugang zu geförderten Angeboten hatten, blieb deutschsprachigen Familien dieser kostenlose Weg verwehrt. «Eine stossende Ungleichbehandlung», sagt Marion Neukomm, Ressortleiterin Pädagogik bei der VSG Region Sulgen, rückblickend. Das soll sich nun grundlegend ändern.
Abschied vom Murmelhaus
Viele Jahre lang unterstützte das Murmelhaus in Sulgen rund zwölf Kinder jährlich beim spielerischen Spracherwerb. Spiele, Lieder, Bewegung und Geschichten boten fremdsprachigen Kindern wertvolle Entwicklungsmöglichkeiten. Doch die neuen kantonalen Vorgaben brachten eine Zäsur: Seit dem Schuljahr 2024/25 müssen Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen obligatorisch ein vorschulisches Förderangebot besuchen, finanziert durch den Kanton. Damit entstand eine Lücke, denn kostenlose Angebote blieben exklusiv für jene Kinder bestehen, die im Sprachtest als förderbedürftig eingestuft wurden. Die VSG Region Sulgen sowie die Politischen Gemeinden Sulgen und Kradolf-Schönenberg wollten dieses Zweiklassenmodell nicht weiterführen. Die Lösung: Gründung des Vereins «Gemeinsam stark vor 4» durch die drei Körperschaften und Auflösung des Angebotes Murmelhaus. «Das Murmelhaus hat gute Arbeit geleistet», betont Urs Hartmann, Gemeinderat von Sulgen. «Doch echte Integration gelingt nicht, wenn nur fremdsprachige Kinder unter sich bleiben.»
Durchmischte Gruppen
Der neue Ansatz setzt auf Begegnung und Vielfalt. Ab diesem Sommer können grundsätzlich alle Kinder, welche ein Jahr vor Kindergarteneintritt sind, kostenlos zwei Einheiten pro Woche à zwei bis zweieinhalb Stunden in den bestehenden Spielgruppen der Region – darunter die Spielgruppe Sulgen sowie die Angebote Rägäbogä und Zwucktreff in Kradolf – besuchen. Hier treffen deutschsprachige und fremdsprachige Kinder ganz selbstverständlich aufeinander. Ein soziales Umfeld, das Spracherwerb lebendig macht, wie Karin Brühlmann, Gemeinderätin von Kradolf-Schönenberg, erklärt: «Sprache entsteht im echten Austausch. Dafür braucht es Kinder, die miteinander spielen, streiten, lachen und sich verständigen.» Die VSG koordiniert in Zusammenarbeit mit den Spielgruppen die Zuteilung und achtet bewusst auf durchmischte Gruppen. Damit profitieren alle, nicht nur jene, die zu Hause nicht Deutsch sprechen.
Eltern als Partner
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit den Eltern. Künftig gehören Elternabende und Veranstaltungen der Elternbildung verpflichtend dazu. Die Teilnahme wird auf einem «Elternpass» festgehalten. Dahinter steht ein klares Ziel: Integration soll nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen stattfinden. «Wir möchten sowohl fremdsprachige als auch deutschsprachige Eltern in die Pflicht nehmen», so Neukomm. «Denn Integration ist eine gemeinsame Aufgabe.» Unterstützt wird dieser Ansatz vom Verein Gemeinsam stark vor 4, der sich für frühe Förderung starkmacht. Möglich wird dies dank zusätzlicher finanzieller Beiträge der Gemeinden und der VSG. Eine engagierte Arbeitsgruppe aus Schul- und Gemeindebehörden hat das Modell gemeinsam erarbeitet.
Ein starkes Signal
Für den kommenden Schulstart im Sommer blieben die Anmeldezahlen der Kinder ohne Sprachförderbedarf leicht unter den Erwartungen der Initianten. «Es haben sich insbesondere viele Kinder angemeldet, die nur einmal pro Woche die Spielgruppe besuchen werden, obwohl wir zweimal pro Woche bezahlen würden», offenbart Brühlmann. Dennoch sind sich die Verantwortlichen einig, dass die Region mit dem Projekt ein Zeichen setzt, das weit über die Grenzen hinausweist: Chancengerechtigkeit beginnt nicht erst im Kindergarten – sie beginnt viel früher. Mit diesem neuen Fördermodell bekommt jedes Kind die Möglichkeit, von Anfang an seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden.
Benjamin Schmid
