Freitag, 10. Juli 2026

Erlen. Der rasante Ausbau von Photovoltaikanlagen im Thurgau stösst an finanzielle und technische Grenzen. In Erlen führt die fehlende Rückvergütung für Solarstrom-Überschüsse zu einem Loch in der Kasse, während der Netzausbau Millionen verschlingt. Gemeindepräsident Thomas Bosshard warnt im Interview vor steigenden Stromtarifen für die Endverbraucher.

Der Solar-Boom in der Thurgauer Gemeinde Erlen bringt unerwartete Schattenseiten mit sich. Um die wachsende Menge an dezentralem Strom aufzufangen, mussten die Technischen Betriebe in kürzester Zeit Millionen in die Netzinfrastruktur investieren. Gleichzeitig belastet eine Gesetzeslücke bei der Vergütung von Überschussenergie den Gemeindehaushalt.

Herr Bosshard, in Erlen gibt es bald über 350 Photovoltaikanlagen. Freut Sie diese Entwicklung oder bereitet sie Ihnen zunehmend Sorgen?

Thomas Bosshard: Anfänglich hat mich dies gefreut, mittlerweile bereitet mir die ganze Komplexität, die nun drum herum aufgebaut wird, wirklich Sorgen. Die Verstärkung des Netzes, die Fähigkeit der IT-Systeme, der Ausbau der administrativen Aufwendungen, das Fachwissen der jeweils Betroffenen, die Eigenverbrauchslösungen, der Tarifdschungel und die für alle einhergehenden zu schnellen Veränderungen sind sehr belastend.

Wo liegt das grösste Problem dieser Entwicklung aus Sicht der Gemeinde?

Jede neue Anpassung (Weisungen, Gesetze) erhöht die Komplexität, die meist mit Kostenerhöhung einhergeht. Ob diese sich nun beim Vorliegernetz, in unserem Fall EKT, oder sich im eigenen Netz auswirkt – schlussendlich finden sich diese Kosten wieder in den Tarifen der Endkonsumenten. Leider können wir dem finanziell nicht entgegenwirken, wir brauchen die Einnahmen für den Netzunterhalt.

Wie zeigt sich der Solar-Boom in Erlen sonst noch?

Wir mussten in den letzten zwei bis drei Jahren ziemlich viel investieren (4 Millionen Franken), um den ganzen Veränderungen folgen beziehungsweise den Anforderungen entsprechen zu können.

An der vergangenen Gemeindeversammlung haben Sie sich, in deftigen Worten, über die finanziellen Auswirkungen geärgert. Konkret: Über die fehlende Rückvergütung durch den Stromlieferanten und das dadurch entstandene Minus in der Kasse. Wie ist diese Situation entstanden?

Der Stromlieferant ist gesetzlich nicht verpflichtet, den Überschuss aus den Energieerzeugungsanlagen wie Solar von den Elektrizitätswerken der Gemeinden zu vergüten. In den Vorjahren, 2023 und 2024, haben wir gemäss Lieferanten aus Kulanz den Einkaufsstrompreis für den Überschuss erhalten. Die Kündigung im März des laufenden Jahres führte somit unweigerlich zu einem Mehraufwand von 400 000 Franken. Wir hatten ca. 2,9 GWh Überschuss. Dieser wurde doch sicherlich irgendwo bilanziert, d. h. irgendein Unternehmen hatte dadurch möglicherweise Vorteile. Da ich diese Frage immer wieder aus der Bevölkerung gestellt bekomme, habe ich sie via Ständerat Jakob Stark dem Bundesamt für Energie gestellt und folgende Antwort erhalten: Überschüssige Energie, die nicht lokal verbraucht oder anderweitig vermarktet wird, wird der Ausgleichsenergie des jeweiligen Stromlieferanten zugeordnet. Dieser ist verpflichtet, gegenüber der nationalen Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid ein Gleichgewicht zwischen Einspeisung und Bezug sicherzustellen. Entstehende Abweichungen muss der Stromlieferant ausgleichen, entweder indem er die überschüssige Energie über den Strommarkt verkauft oder indem er negative Ausgleichsenergie bezieht und die entsprechenden Ausgleichskosten bezahlt. Diese Kosten fliessen in der Praxis in die Stromlieferpreise ein, insbesondere bei Vollversorgungsangeboten. Es handelt sich somit nicht um eine Situation, in der einzelne Akteure ungerechtfertigte Gewinne erzielen, sondern um einen systemischen Mechanismus, der Kosten verursacht, welche bei fehlender Optimierung weitergegeben werden.

Wie könnte dieses Problem gelöst werden?

Grundsätzlich weniger Überschuss produzieren. Dies kann aus meiner Sicht aktuell nur durch Speicherlösungen bewerkstelligt werden. Dies hat auch seine Schattenseite für die Werke. Je mehr Energie im Eigenverbrauch zirkuliert, je weniger Netzeinnahmen hat das Werk, was leider anteilig wiederum zu Tariferhöhungen führen wird.

Was müsste auf politischer Ebene verbessert werden?

Wenn ich das beantworten könnte … Die Schweiz hat sich, neben weiteren europäischen Abkommen, bis 2050 ein hohes Ziel im Rahmen der Klima- und Energiestrategie gesetzt. Sicher kein einfaches Ziel.

Auf kommunaler Ebene versuchen wir, die Interessierten mitzunehmen, ob dies via Info-Veranstaltung, Flyer oder Einzelgesprächen abläuft, ist abhängig vom Thema. Wir waren uns an der letztjährigen Infoveranstaltung einig, dass wir hier miteinander Lösungen suchen müssen. Hierzu greife ich schon mal vor, denn unter Energie gibt es noch mehr als nur Strom. Deshalb haben wir versucht, im Rahmen der Energierichtplanvorgabe ein Gesamtenergieversorgungskonzept zu erstellen, welches wir mit Inte-ressierten am 24. September an einem Workshop im Mehrzwecksaal vertiefen wollen. Es wird hierfür eine Einladung in alle Haushalte verschickt.

Welche Herausforderungen bringt der Boom für die Technischen Betriebe und die Netzbetreiber?

Es muss vor allem für die Netzinfrastruktur ein Mittelmass für den Ausbau gefunden werden, das wird eine Gratwanderung. Denn aktuell muss das Netz an den höchsten Spitzen – Bezug oder Rücklieferung – ausgelegt werden. Diese Kosten verursachen wieder höhere Netznutzungstarife usw. Wird das Netz zu wenig schnell verstärkt, können bei Sonnenspitzen in einem ganzen Gebiet die Wechselrichter der Photovoltaikanlagen unterbrechen. Dazu müssen immer mehr Daten und komplizierte Konstrukte verarbeitet werden können. Dies stellt Anforderungen an die ICT und an die damit arbeitenden Personen.

Welche Investitionen in Leitungen, Trafostationen oder andere Infrastrukturen sind dadurch nötig geworden?

Wir werden seit 2023 mit diesem Jahr über 5 Millionen Franken netto investiert haben. Der Durchschnitt der 10 Vorjahre liegt jährlich bei 0,4 Millionen Franken.

Wer trägt am Ende die Kosten dieser Netzausbauten?

Diese Kosten, Abschreibung und Kapitalverzinsung werden den Netznutzungs­tarifen zugeordnet und machten letztes Jahr ca. 3 Rp. pro kWh aus.

Ist die Situation in Erlen ein Einzelfall oder erleben derzeit viele Thurgauer Gemeinden ähnliche Probleme?

Diese Herausforderungen müssten eigentlich alle haben. Die Netzbetreiber sind nicht alle auf dem gleichen Ausbaustand – ob netztechnisch, zählertechnisch oder was den Anteil der Photovoltaikanlagen betrifft. Das widerspiegelt sich unter anderem auch in den unterschiedlichen Tarifen. Diese ergeben sich nicht allein aus der beschafften Energie. Ich bin in zwei Gruppen dabei, wo wir versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Interview Benjamin Schmid