Freitag, 26. Juni 2026
Bürglen. Talentierte Musikerinnen auf dem Weg nach oben kommen immer öfter im kleinen Bürglen vorbei – wo sie mit Dave Flütsch gefeierte Aufnahmen und Videos produzieren. Nicht selten spielt der Sound Engineer gleich mit, denn er ist studierter Schlagzeuger.
Da haben wir einfach die Wände neu gestrichen, erzählt Dave Flütsch mit einem Schmunzeln. Anfang Jahr drehte er mit der Zürcher Sängerin KEZA auf dem SUN-Areal ein Musikvideo. Hier befindet sich sein Studio. Die kahlen Hallen und der alte Industrieaufzug bilden den perfekten Hintergrund für den sehnsuchtsvollen Song «S2S». «I just wanna be somebody to you», singt sie, während sie gedankenversunken in die sie umkreisende Kamera blickt. Ein Schnitt, und sie hat eine Gitarre umhängen; ein weiterer, und die Band rockt zusammen mit Publikum ab.
«Black Goth» in Bürglen
Tücher vor die Fenster, etwas Farbe und Nebel, Lederjacken und Nietengürtel – schon kann es losgehen: Diese unkomplizierte Hands-on-Mentalität, gepaart mit Professionalität und dem richtigen Gespür für Klangästhetik und Atmosphäre zeichnen den jungen Musiker und Produzenten aus. «KEZA geht in letzter Zeit viral», freut sich der 29-Jährige. Auf TikTok hat die Sängerin aus Zürich den Blick Céline Dions auf sich gelenkt und wurde millionenfach geklickt. Auch ihr neues Musikvideo bekommt immer mehr Aufmerksamkeit. Am Schlagzeug sitzt Dave Flütsch. Der Sound ist fett.
KEZAs Band ist nur eines seiner aktuellen Engagements. Erst im Frühjahr hat er mit Daisy George aufgenommen. Eigentlich sitzt bei der in London lebenden Sängerin Jas Kayser am Schlagzeug – bekannt unter anderem durch ihre Zusammenarbeit mit Lenny Kravitz. Einige Songs aber hat der Studiomusiker in Bürglen selbst eingespielt.
Wie man hört, hat Daisy George die entspannte Atmosphäre in dem «äs bitzli» chaotischen, dafür inspirierenden Gemeinschaftsatelier genossen, dem das SOUR SOUL STUDIO angegliedert ist. Die Aufnahmen werden gerade gemastert – und hier kommt ein weiterer Name ins Spiel. Claudio Cueni sass bei KEZA an den Reglern. Claudio Cueni? Genau! DER Schweizer Musikproduzent, der als Hardrocker anfing und später Hip-Hop-Pionier wurde, bekannt durch seine Arbeit mit zahlreichen Weltstars. Unter anderem war Cueni an den posthum veröffentlichten Alben von 2Pac beteiligt.
Liebe zur Musik
Diese Vernetzung von jungen Talenten und internationalen Grössen ist für Dave Flütsch nichts Aufsehenerregendes. Als Schlagzeuger ist er es sowieso gewohnt, in unterschiedlichen Formationen, an unterschiedlichen Orten mitzuwirken. «Ich sehe mich als Teil einer Community, in der wir alle dieselben Werte teilen», sagt er. «Klar besitzen wir verschiedene Geschmäcker oder Ansichten. Einige haben mehr Ruhm und Erfahrung als andere. Aber im Vordergrund steht die Liebe zur Musik und der Wille, etwas zu erschaffen.»
Liebe zur Musik, das ist für den talentierten jungen Künstler keine blosse Floskel. «Musik hat mir das Leben gerettet», betont er. Aufgewachsen ist er in der Graubündner Provinz, noch dazu in einer evangelikalisch-zionistischen Sekte. Sein Vater war ein Metalhead, der heimlich Whitney Houston hörte, sich in eine brasilianische Pastorentochter verliebte und im strengen Glauben neuen Sinn fand. «Aber mein Vater sagte zu mir: Vom Schlagzeugspielen bekommst du Muskeln!». Das überzeugte den fünfjährigen Naseweis. Fortan trommelte er zu Klezmer-Musik.
Seine Eltern traten aus der Gemeinschaft aus, als er zwölf Jahr alt war. Ein Bruch mit der gewohnten, behüteten Umgebung. Aber auch der Abschied von einem «problematischen Weltbild», wie er rückblickend meint. Rebellische Jahre folgten. «Ich war gegen alles. Dafür habe ich mich umso mehr ins Schlagzeugspielen vertieft.» Sein suchender Geist fand in der alternativen Musikszene eine neue Heimat, und – typisch Gen Z – wurde erstmal beim Soundtrack von Videospielen fündig. Er spielte Songs der Red Hot Chili Peppers nach, verliebte sich in britische Shoegazer und entdeckte Metal.
Vom Militär ins Studium
Irgendwann wurde der Stress zuhause zu gross und Dave Flütsch war fast schon froh, als er zum Militär musste. Dort durfte er glücklicherweise in die Militärmusik eintreten. Dafür musste der Autodidakt das erste Mal nach Noten spielen, was ein hartes Stück Arbeit war. Diese Ausbildung verlieh ihm genug Selbstvertrauen, um beim Infotag der ZHDK vorzuspielen, «obwohl ich immer noch ein nur rudimentäres Verständnis vom Schlagzeugspielen hatte», erinnert er sich und lacht ungläubig. Ein bisschen Glück war nämlich ebenfalls dabei: Er wurde als zweite Wahl an der Hochschule aufgenommen. Dort durfte sich seine Liebe zur Musik vollends entfalten. Mit Ehrgeiz und Disziplin widmete er sich dem Studium.
Heute bezeichnet der junge Mann mit Tattoos und Bomberjacke nicht Jazz, sondern den Progressive Rock von Mars Volta als seine Lieblingsmusik. «Mars Volta haben mein Leben verändert. Sie haben mir gezeigt, dass ich zu mir selbst stehen kann.» Berührungsängste kennt der vielseitige Profi aber nicht. Er ist in vielen Genres zuhause, was nicht zuletzt sein elektronisches Solo-Projekt MONODADA beweist.
Der Funke zündet
Der studierte Jazzschlagzeuger und Musikpädagoge brennt für die Musik und er ist fähig, diesen Funken überspringen zu lassen. Das kommt ihm nicht zuletzt in seiner Rolle als Lehrer zugute. An der Thomas-Bornhauser-Sekundarschule in Weinfelden unterrichtet er seine Schülerinnen und Schüler in Musikgeschichte und probt mit ihnen Stücke ein – eine Aufgabe, die ihn sichtlich stolz macht.
Nun wird Dave Flütsch mit dem Thurgauer Förderpreis ausgezeichnet. Einen Teil des Preisgeldes will er nutzen, um sich einen Tag in der Woche voll und ganz in eigene Musikprojekte zu vertiefen. Und er ergänzt todernst: «Den Rest stecke ich in meine Altersvorsorge.»
Stefan Böker
