Freitag, 26. Juni 2026

Bischofszell. Mit einem Festakt vor dem Rathaus wurde am vergangenen Samstag das 150-Jahr-Jubiläum der Bischofszeller-Bahn gefeiert. Seit 1876 verbindet ein 32 Kilometer langer Schienenstrang Gossau und Sulgen. Bischofszell darf für sich in Anspruch nehmen, dabei eine entscheidende Rolle gespielt zu haben.

Als sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa das Eisenbahnfieber ausbreitete, stand Bischofszell zunächst noch abseits und drohte abgehängt zu werden. So weit wollten es die Bürger- und Munizipal-gemeinde Bischofszell nicht kommen lassen. Man sprang verspätet, aber nicht zu spät, auf den Zug des Fortschritts auf und investierte viel Geld – sogar doppelt so viel wie der Kanton Thurgau – in den Bau einer neuen Bahnlinie. Wenn in der Folge von der «Bischofszeller-Bahn» gesprochen wurde, dann geschah dies somit zurecht. Heute verkehren zwischen Gossau und Sulgen die Züge der Ostschweizer Regionalbahn Thurbo.

Folk am Festakt

Der Festakt ist in die 21. Rosen- und Kulturwoche eingebettet. In Bischofszell eingefunden haben sich auch mehrere Behördenvertreter aus der Region, darunter Wolfgang Giella, der Stadtpräsident von Gossau, und Andreas Opprecht, der Gemeindepräsident von Sulgen. Unter wolkenlosem Himmel und bei hochsommerlicher Temperatur eröffnet der Musiker Stefan Blaser alias Southbound Steve die Feierstunde mit dem Song «Wabash Cannonball». Inhaltlich handelt die Komposition – wie könnte es anders sein – von der Eisenbahn. Das werden auch die anderen Folksongs tun, welche der Hauptwiler am Samstagnachmittag auf der Rathausbühne zum Besten gibt.

Die Rolle des Gastgebers hat Thomas Weingart inne. Für den Bischofszeller Stadtpräsidenten ist das 150-Jahr-Jubiläum mehr als Erinnerung und Nostalgie. «Es ist die Geschichte von Mut und Weitsicht», sagt er. Menschen hätten damals etwas Neues gewagt und mit der Bahn den Anschluss an die Zukunft ermöglicht. Er wolle sich gar nicht vorstellen, was aus Bischofszell sonst geworden wäre. Der Stadtpräsident betont damit die grosse Bedeutung, welche diese Bahnlinie für Bischofszell und die ganze Region bis zum heutigen Tag hat. Die damaligen Pioniere hätten gezeigt, so Weingart, dass grosse Projekte gelingen können, wenn Menschen sich gemeinsam für etwas einsetzen. Die Frage der guten Verbindungen, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn, stelle sich laut Weingart auch heute noch.

Stolz aufs Bahn-und Busnetz

Als Vertreter des Kantons ergreift Regierungsrat Walter Schönholzer das Wort. Er beginnt seine Rede mit einem Kompliment: «Bischofszell, ein Bijou im Thurgau, ist der richtige und würdige Ort, um dieses Jubiläum zu feiern.» Er sei stolz auf das engmaschige Bahn- und Busnetz im Kanton, von dem die Bevölkerung und die Wirtschaft profitierten, sagt Schönholzer und lobt die Thurbo AG als Transportunternehmen, das schweizweit am effizientesten unterwegs sei. Auch der Vorsteher des Departements für Inneres und Volkswirtschaft hebt die grosse ökonomische Bedeutung der Bahnverbindung hervor, welche seit 150 Jahren das Thurtal mit St. Gallen verbindet. Die Anbindung an das nationale Bahnnetz sei die Voraussetzung für die wirtschaftliche Blüte in der Folgezeit gewesen. Nun werde das erste Kapitel der nächsten 150 Jahre geschrieben, sagt Schönholzer und verweist auf den Einsatz neuer Zugsgarnituren und die Aufnahme von Bregenz in den Thurbo-Fahrplan.

Als Dritte tritt Claudia Bossert ans Mikrofon. Die Unternehmensleiterin der Thurbo AG bezeichnet den Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Gossau und Sulgen als «mutige Entscheidung». Es sei damals um Perspektiven gegangen, um die Teilhabe an einer sich verändernden Welt. «Bischofszell wollte den Anschluss nicht verlieren», sagt Bossert und würdigt die Leistung der Visionäre und aller, die damals angepackt haben. Regelmässige Verbindungen und Zuverlässigkeit zählten zu den Voraussetzungen, um im Bahngeschäft bestehen zu können. «Die Züge fahren noch durch dieselben Dörfer und Landschaften wie vor 150 Jahren», stellt Bossert fest und gibt damit zu verstehen, dass die Verantwortlichen der Bischofszeller-Bahn beziehungsweise der heutigen Thurbo AG vieles richtig gemacht haben.

Während des Festakts wird auch auf die neu erschienene Publikation «Anschluss an die Zukunft: Wie Bischofszell zur Eisenbahn gekommen ist» hingewiesen. Das von Michael Mente und vom Historischen Museum Bischofszell herausgegebene Werk gibt in Wort und Bild interessante Einblicke in die Anfänge der Bahnstrecke. Der Festakt klingt mit einem weiteren Railway-Song stilgerecht aus. Das Publikum ist dann nicht mehr auf den Plätzen zu halten. Viele, die dem Festakt beigewohnt haben, halten Ausschau nach einem schattigen Ort in der Marktgasse, in der sich die Hitze zusehends staut.

Georg Stelzner