Freitag, 17. April 2026
Sulgen/Bischofszell. Von der kühnen Vision zur Lebensader für eine ganze Region: Mit der Eröffnung der Bischofszeller Bahn vor 150 Jahren entstand erstmals eine direkte Verbindung zwischen dem Thurtal und St. Gallen. Im Juni wird dieses bedeutende Kapitel Verkehrsgeschichte mit einem grossen Eisenbahn- und Familienfest gefeiert.
Es war im Jahre 1869, als sich in Bischofszell die Befürworter für eine Eisenbahnlinie regten. Zwischen Zürich, Winterthur und Romanshorn rollten bereits Züge. Das Städtchen an der Mündung der Sitter in die Thur jedoch fühlte sich abgehängt. «Speziell im Vergleich mit Amriswil, das spürbar vom neuen Verkehrsmittel profitierte», wie Beat Emmisberger, Präsident des Vereins Eurovapor und zugleich Präsident des Jubiläumsfest-OKs, weiss.
Ein lautstarker Befürworter war damals Pfarrer Zündel, der sich öffentlich an Bürgerinnen und Bürger wandte – und dessen Argumente offensichtlich «zündeten». Noch im selben Jahr gründete Bischofszell eine Eisenbahnkommission. Im folgenden Jahr beschloss die Gemeinde, den Bau der Eisenbahnlinie zu subventionieren. «Mit einem für die damalige Zeit ungewöhnlich hohen Betrag», sagt Beat Emmisberger.
Grosse Bedeutung
Nach viel Planung und Arbeit konnte die Bahnlinie zwischen Sulgen, Bischofszell und Gossau am 5. Juli 1876 in Betrieb gehen – ein Wendepunkt für die ganze Region. Plötzlich rückten Dörfer näher zusammen, Arbeitswege wurden kürzer, Märkte grösser, Möglichkeiten vielfältiger. «Bischofszell blühte auf und erlebte als regionales Zentrum zusätzlichen Aufschwung. Sulgen entwickelte sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt», fasst Beat Emmisberger zusammen. Über Generationen hinweg prägte die Strecke das Alltagsleben von Pendlern, Schülerinnen und Schülern sowie Reisenden; Unternehmen nutzten sie für ihre Logistik.
Attraktives Jubiläumsfest
Das 150-Jahr-Jubiläum am Samstag und Sonntag, 20. und 21. Juni, bietet Gelegenheit, diese Entwicklung zu würdigen. Während der offizielle Festanlass in Bischofszell im Rahmen der Rosenfestwochen stattfindet – unter anderem spricht Regierungsrat Walter Schönholzer zum Publikum – ist als Standort für das Eisenbahn- und Familienfest die Lokremise in Sulgen gewählt worden. Dieser Ort hat eine historische Bedeutung. «Remisen standen immer am Anfang und Ende der Bahnstrecken. Dort ‹parkten› die Dampfloks früher», erklärt der Eurovapor-Präsident. Heute wird die Lokremise von seinem Verein genutzt, um Bahngeschichte zu erhalten. Erst vor Kurzem hat der Verein das Dach der Remise aufwändig saniert. Sie ist eine der letzten im Thurgau, in der noch Züge stehen. An diesem geschichtsträchtigen Ort dürfen sich die Gäste auf ein abwechslungsreiches Programm freuen. Eisenbahnfans können ins Führerhaus der imposanten Dampflok C 5/6 klettern oder sich von dieser vom Bahnhof zum Festplatz ziehen lassen. Zusätzlich fahren jede Stunde Nostalgiezüge auf der Strecke Sulgen–Bischofszell, darunter ein historischer Gepäcktriebwagen der SBB und der beliebte «Apfelsaft-Express» von Möhl, der einst für die Bodensee-Toggenburg-Bahn fuhr. Das Jubiläumsfest ist zudem auf Familien ausgerichtet. Attraktionen wie Dampfkarussell, Ponyreiten, eine Schiffsschaukel und Kinderschminken sind für die Kinder geplant, während die Grossen an verschiedenen Infoständen oder mit der Festschrift spannende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der Eisenbahn erhalten können. Geplant ist zudem, dass die Eisenbahnpolizei am Sonntag ihre Hundestaffel präsentiert.
Tender wurde repariert
Die Fahrt mit der Dampflok gehört für Beat Emmisberg zu den Highlights des Jubiläums – und der Verein Eurovapor ist froh, das rollende Denkmal wieder in voller Pracht präsentieren zu können. «Die Dampflok war längere Zeit ausser Betrieb, weil der Tender, also der Vorratswagen für Wasser und Kohle, repariert werden musste», sagt er. Nun ist der in Sulgen stationierte Stahlkoloss, der wegen seiner Grösse und Leistung den Spitznamen «Elefant» trägt, bereit zur abschliessenden Testfahrt – bevor die einst grösste Lokomotive der SBB am Jubiläumsfest erstmals wieder unter Volldampf steht.
Verein Eurovapor
Das 150-Jahr-Jubiläum der Bischofszeller Bahn in Sulgen und Bischofszell wird vom Verein Eurovapor organisiert. Der in der Schweiz und Deutschland tätige Verein hat sich dem Erhalt von historischen Schienenfahrzeugen verschrieben, speziell: der Rettung von Dampfloks.
Stefan Böker
