Freitag, 17. April 2026
Region. 4800 Kilometer über den Atlantik – mit Muskelkraft, Mut und Teamgeist: Das ist das Ziel von «Team Atlantx». Vier junge Thurgauer bereiten sich auf das härteste Ruderrennen der Welt vor. Was als verrückte Idee begann, ist heute ein professionell geplantes Herzensprojekt – mit einem tiefen Sinn.
Es ist ein Traum zwischen Himmel und Wasser, zwischen Grenzerfahrung und grossem Herz: Vier junge Männer aus der Bodenseeregion wollen den Atlantik im Ruderboot überqueren. William Stampfli und Marco Kamm aus Weinfelden, Andreas Nef aus Kreuzlingen und Robin Muntwyler aus Zürich bilden das Team Atlantx und nehmen in diesem Jahr am legendären «World’s Toughest Row» teil. 4800 Kilometer, rund 35 Tage, zwei Stunden Rudern, zwei Stunden Schlaf und das mitten auf dem offenen Meer. «Es ist das härteste Ruderrennen der Welt, aber auch eines der beeindruckendsten Abenteuer, das man erleben kann», sagt William Stampfli. «Wir rudern für Menschen, die selbst unfreiwillig kämpfen müssen: für Menschen mit Krebs.»
Von der Idee zur Mission
Die Idee dazu entstand fast zufällig. Stampfli und Nef kannten das Rennen schon länger, hatten es aber nie ernsthaft in Betracht gezogen. «Im Herbst 2022, während unseres WKs im Tessin, haben wir abends wieder darüber gesprochen», erzählt Stampfli. «Uns wurde klar: Jetzt ist der Moment, etwas zu wagen, das uns wirklich herausfordert.» Über ein Jahr dauerte die Suche nach den passenden Teammitgliedern. «Für ein solches Projekt braucht es Mut, Vertrauen und den Willen, über sich hinauszuwachsen», erklärt er. So stiessen Marco und Robin dazu. Die vier gründeten 2023 den Verein Atlantx in Weinfelden und meldeten sich offiziell zum Rennen an. «Wir wollten aber mehr als nur den sportlichen Aspekt», sagt Nef. «Wir wollen Menschen inspirieren, ihre Komfortzone zu verlassen und gleichzeitig etwas Gutes bewirken.» Deshalb spenden sie am Ende rund 25 bis 30 Prozent ihres Gesamtbudgets von 230 000 Franken an die Krebsliga Schweiz und die Krebsliga Thurgau.
Training, Technik und Teamgeist
Das Projekt ist längst kein Hobby mehr, sondern eine professionelle Unternehmung. Das Boot – ein 80 000 Franken teures Hochseeruderboot – wurde 2024 gekauft und feierlich auf den Namen «Rowsea» getauft. Die Männer trainieren seither hart: Ausdauer, Kraft, Rudertechnik, Navigation, Kommunikation und Überleben auf hoher See. «Kürzlich waren wir in England und absolvierten mehrere Hochsee-Kurse», sagt Stampfli. «Navigation, Funk, Erste Hilfe und Überleben: All das ist entscheidend, um später sicher über den Atlantik zu kommen.» Trotz des technischen und sportlichen Aufwands bleibt die mentale Stärke das grösste Thema. «Wir wissen, dass es Phasen geben wird, in denen man an seine Grenzen kommt – körperlich und psychisch», erklärt Nef. «Deshalb investieren wir auch viel in Teambildung. Wir müssen uns hundertprozentig aufeinander verlassen können.» Auf die Frage, wie realistisch das Ziel sei, ohne Rudererfahrung den Atlantik zu überqueren, bleibt Stampfli ruhig: «Rudern ist nur ein Teil davon. Viel wichtiger sind Ausdauer, mentale Stärke und die Fähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen. Das Rudern selbst lernen wir, das Vertrauen zueinander ist unbezahlbar.»
Unterstützung und Verantwortung
Bereits jetzt hat das Team beeindruckende Unterstützung mobilisiert: über 200 private Gönner und zahlreiche Unternehmen stehen hinter dem Projekt. Das ursprüngliche Budget von 230 000 Franken ist gedeckt, ein Überschuss wird gespendet. «Wir sind überwältigt von der Solidarität», sagt Marco Kamm. Auch bei Familien und Arbeitgebern sei die Reaktion mittlerweile positiv. «Am Anfang waren viele skeptisch, was verständlich ist», erzählt Stampfli. «Aber als sie gesehen haben, wie professionell wir das angehen, ist aus Sorge Unterstützung geworden.» Dabei steht nicht das Spektakel im Vordergrund, sondern die Botschaft. «Wer hinter die Kulissen schaut, merkt, dass das kein Selbstinszenierungsprojekt ist», betont er. «Wir wollen zeigen, dass man mit Disziplin, Vertrauen und Herz auch scheinbar Unmögliches schaffen kann.»
Blick nach vorn
Bis zum Start im Dezember 2026 wird noch viel passieren. Mehrtägige Trainings auf dem Meer sind geplant, ebenso Tests unter realen Bedingungen. «Wir wollen mindestens zwei mehrtägige Trainingsfahrten absolvieren, um zu wissen, wie sich Schlafmangel, Wind und Wellen anfühlen», sagt Nef. Doch selbst mitten in der Vorbereitung verlieren die vier den eigentlichen Kern ihres Projekts nicht aus den Augen. «Unser Antrieb ist, unsere Grenzen auszuloten», sagt Stampfli. «Es geht aber auch um das, was dahintersteht, um Menschen, die täglich viel grössere Kämpfe austragen als wir auf dem Meer.» Wenn man die vier über ihr Ziel sprechen hört, spürt man eine Mischung aus Respekt und Leidenschaft. «Wir wollen am Ende sagen können: Wir haben unser Bestes gegeben», fasst Stampfli zusammen. «Wenn wir das schaffen, hat sich der Aufwand gelohnt.»
Weitere Infos unter: www.atlantx.org
Benjamin Schmid
