Freitag, 27. März 2026
Sulgen/Hohentannen. Die Wildschweinjagd gehört zu den anspruchsvollsten Tätigkeiten der Jäger. Gute Ausrüstung erleichtert die Jagdplanung und verhilft zum Erfolg. Doch auch modernste Geräte können Erfahrung und Wissen nicht ersetzen. Obendrein ist viel Geduld gefragt. Schwarzkitteln auf der Spur im Jagdrevier Sulgen-Hohentannen.
Die Kälte kriecht langsam, aber unaufhaltsam in die Knochen. Dafür hat man vom Hochsitz aus einen guten Blick. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Im Mondlicht werfen die Baumwipfel lange Schatten auf das Feld. Blätter rascheln, ein Ast knackt und ein Waldkauz ruft in die Nacht hinaus. Aber auch Zivilisationsgeräusche dringen ans Ohr: In der Ferne läuten Kirchenglocken. Ein Hofhund bellt. Und das allgegenwärtige Rauschen des Verkehrs.
200 Hektaren Wald
«Die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute eine Sau schiessen, ist gering», hatte Niklaus Sauter bereits am Vortag angekündigt. Er ist Obmann der Jagdgesellschaft Sulgen-Hohentannen, einer von fünf Pächtern, die sich das 1588 Hektaren grosse Gebiet teilen. Knapp 200 Hektaren davon sind Wald, ein Mischrevier mit vielen Wiesen. «Aber man kann nie wissen», hat er nach der Konsultation mit seiner Jagd-App hinzugefügt – und diese Worte hallen nach, als ich kurz nach Mitternacht am Waldrand des Herrenholzes zwischen Heldswil und Kradolf Ausschau nach Wildschweinen halte.
Eingeschränkte Schonzeit
Im Kanton Thurgau gilt für Wildschweine ab März Schonzeit. Diese Schonzeit ist jedoch eingeschränkt: Frischlinge und Tiere, die jünger als zwei Jahre sind, dürfen das ganze Jahr geschossen werden. Man spricht von sogenannten männlichen «Überläufern». Diese Tiere werden von der Rotte verstossen, ziehen allein umher oder schliessen sich zu einer Überläufer-Rotte zusammen. Allerdings gilt die Ausnahme nur ausserhalb des Waldes. Dort halten sie sich gerne auf: Da es in der kalten Jahreszeit wenig Nahrung im Wald gibt, wühlen die Tiere auf den Feldern nach Würmern und Insekten; sogar Mäuse fressen sie oder Aas. Wildschweine sehen schlecht, verfügen aber über einen ausgezeichneten Geruchs- und Hörsinn und gelten als äusserst intelligent. So still wie möglich sitzen, lautet die Devise also. Ein Brett dient als Stütze. Beim Spähen mit dem Wärmebildfernglas, dem sogenannten «Spiegeln», lässt sich leises Rascheln der Kleidung nicht vermeiden.
Nächtliche Begegnungen
Zuvor ästen Rehe auf dem Feld und auch ein Dachs war zu sehen. Jetzt, auf dem Hochsitz, ist ein Marder meine einzige Gesellschaft. Ein kleiner, heller Fleck, der am Waldrand rumwuselt. Nach einer knappen Stunde läuft etwas Grösseres aufs Feld. Sofort schlägt mein Puls schneller, hastig tippe ich eine Nachricht an Niklaus Sauter, der einige hundert Meter westlich Position bezogen hat. Das Jagdfieber scheint mich gepackt zu haben. Im Eifer bilde ich mir ein, den Gang und sogar den typischen Ringelschwanz eines Schweins zu erkennen. «Okay, ich schaue mir das mal genauer an», kommt die Antwort des Jägers. Wenige Minuten später sehe ich ihn im Fernglas vorsichtig in Richtung des vermeintlichen Wildschweins pirschen. Doch plötzlich flüchtet das Tier und rast in den Wald zurück. Es wäre auch zu schön gewesen: 40 Stunden «Ansitz» benötigt es im Schnitt, um ein Wildschwein zu erlegen, wissen erfahrene Waidmänner.
Für Niklaus Sauter ist die nächtliche Pirsch spannender – und erfolgreicher –, wenn es um Wildschweine geht. Dafür ist genaueste Revierkenntnis nötig. Da er hier aufgewachsen ist, kennt er Stock und Stein. Dennoch ist Vorbereitung ungemein wichtig: Vor jedem Ausflug kontrolliert er das Gelände tagsüber auf Veränderungen. Es könnte ja sein, dass ein neuer Zaun aufgestellt wurde oder ein umgefallener Baum im Weg liegt. «Sicherheit geht vor Wirkung», nennt Niklaus Sauter eine Jägerregel.
Gute Ausrüstung
Die Ausrüstung der Jäger ist ausgefuchst, aber nicht jeder ist so technikaffin wie der frühere CEO der Belimed AG, welche auch in Sulgen ein Werk betreibt. «Weil ich eine App benutze, die Wetterdaten und Mondphasen für die beste Jagdzeit auswertet, werde ich von anderen belächelt», meint der 63-Jährige schmunzelnd. Aber es funktioniert. Er benutzt die App auch als digitales Jagdtagebuch. «Meine Abschüsse korrelieren mit den empfohlenen Zeiten.»
Weiter verbreitet sind indes Nachtbildkameras, die im Revier verteilt Aufnahmen der Wildwechsel machen. Ebenso Schallschutzdämpfer auf dem Gewehr, die einerseits Hörschutz obsolet machen, andererseits für weniger nächtliche Ruhestörung sorgen. Und Wärmebildfernrohre, die zusätzlich den Abschuss filmen. Oftmals sind es Tipps von anderen, die zum Erfolg führen. Die Jäger kommunizieren sowieso regelmässig per Messengerdienst miteinander. Bauern geben gerne einen Funk, wenn sie Wildschweine oder Spuren von ihnen gesehen haben. An diesem Abend treffen wir auf einem Feldweg einen befreundeten Landwirt. «Gell, wenn du was siehst, gibst du Bescheid», heisst es zum Abschied.
Auf der anderen Seite seien immer mehr Leute der Jagd gegenüber kritisch eingestellt. Niklaus Sauter bedauert das. «Die Jagdgegner sehen den Service Public, den wir erfüllen, nicht. Sie haben oftmals unrealistische Vorstellungen.»
Umfangreiche Prüfung
Niklaus Sauter hat 2012 seine Jagdprüfung bestanden. Nicht umsonst ist diese zeitaufwändig und umfangreich. Von Wald- und Wiesenkunde über Ökologie bis hin zu Wildbrethygiene benötigt ein Jäger umfangreiches Wissen. Seit 2016 ist er Pächter im Jagdrevier Sulgen-Hohentannen und frönt damit einer Leidenschaft, die auch viele Pflichten mit sich bringt. Unter anderem ist es Aufgabe der Jäger, gefallene Tiere aus Verkehrsunfällen zu bergen. Ausserdem kümmern sie sich um Tiere, die durch Revierkämpfe sterben oder an Seuchen erkranken. Die Jäger sorgen dafür, dass es wenig Konflikte mit Menschen und Schäden in der Landwirtschaft gibt – und falls Schäden entstehen, trägt die Jagdgesellschaft einen Anteil der Kosten. Bei Wildschweinen sind das 15 Prozent der Kosten. «Eine grosse Rolle spielt Brauchtumspflege und die Zusammenarbeit mit speziell ausgebildeten Jagdhunden», sagt Niklaus Sauter. An den grossen Gesellschaftsjagden im Herbst lassen sich diese Aspekte am besten erfahren.
Spät in der Nacht endet unser Jagdausflug. Er führte uns an mehrere «Spotting Points» im Revier Sulgen-Hohentannen. Wir starteten in Leimbach, fuhren nach Osten Richtung Lenzenhaus, danach ging es über Ennetaach und Riedt bei Erlen bis nach Heldswil, wo wir gegen Kradolf abbogen. Dabei klapperten wir Wälder mit klingenden Namen ab: Eggholz, Länzerwald, Tiggelbauel und Burgstoog. «Pneu-Pirsch» hatte Niklaus Sauter das scherzhaft genannt, weil wir mit dem Auto unterwegs waren und tatsächlich auch ein oder zwei Mal gar nicht ausstiegen, um zu «spiegeln». Wir sahen vor allem Rehe, für die gerade Schonzeit gilt, aber auch einen Fuchs.
Zwei Tage später erhalte ich die Nachricht, dass ein Jäger genau an dem Ort, an dem wir ansassen, ein Wildschwein vor die Büchse bekam. Vielleicht war da oben auf dem Hochsitz also doch mehr als nur Einbildung. Mich freuts. Das so «geerntete» Fleisch wird von der Jagdgesellschaft verkauft – und das ist allemal natürlicher als Fleisch aus dem Supermarkt.
Die vielfältigen Aufgaben der Jäger
• Bejagung des Wildtierbestandes zwecks Wildbret-Erzeugung und Regulierung der Wildbestände (in Sulgen hauptsächlich: Rehwild, Wildschweine, Füchse, Dachse)
• Monitoring des Rehwildbestandes durch Wildzählung zwecks Erstellung eines auf Nachhaltigkeit von Wild und Forst ausgerichteten Abgangplanes
• Rehkitzrettung (Schutz von Rehkitzen vor dem Mähtod)
• Fallwildbeseitigung (hauptsächlich Strassenverkehrsopfer) bei Tag und Nacht
• Wildschadenprävention an Landwirtschafts- und Forstkulturen
• Wildschadenaufnahme und teilweise übernahme des Schadens
• Präventionsmassnahmen bei Tierkrankheiten und -seuchen (beispielsweise Fuchsräude, Revierkämpfe, Schweinepest)
• Hilfeleistung bei Konfliktsituationen zwischen Wildtieren und Privatpersonen
• Beseitigung von ungenutzten Zäunen
• Jagdpolizeiliche Aufgaben (Einhaltung Jagdvorschriften, Kontrolle verdächtiger Personen im Jagdgebiet)
Stefan Böker
