Freitag, 20. März 2026

Schönenberg. Die Gemeindeversammlung von Kradolf-Schönenberg hat bereits 2021 einen Kredit von 750 000 Franken für die Hausarztpraxis des Gesundheitszentrums genehmigt. Doch solange dort kein Arzt praktiziert, kann der Kredit nicht beansprucht werden – ein kluger Schachzug, wie sich angesichts aktueller Querelen erweist.

Am Montag in einer Woche eröffnet das Gesundheitszentrum neben der Thurbrücke – allerdings noch ohne Hausarztpraxis (der «Neue Anzeiger» berichtete). Die Suche nach ärztlichen Fachpersonen sei anspruchsvoll, teilt Benno Andermatt, Verwaltungsratspräsident der Q-Med, auf Anfrage mit. Im März 2025 hatte das noch hoffnungsvoller getönt. Eine Gemeinschaftshausarztpraxis werde im Frühling dieses Jahres ihre Türen öffnen, hiess es damals. In der Botschaft an die Gemeindeversammlung klang es sogar noch optimistischer: Bis 2023 sollte ein bezugsfertiges Objekt entstehen.

Nun gibt es triftige Gründe für diese Verzögerung. Sie sind vor allem baulicher Natur. Weil das Haus nahe an der Thur steht, dauerte es lange, bis der Kanton endlich die Bewilligung erteilte. Kaum hatten die Bauarbeiten begonnen, stiess man im Erdreich auf Hinterlassenschaften der alten Seidenweberei: Bauschutt, Öltanks und mit Metallen belastete Schlacke.

Es gab Interessenten

Benno Andermatt räumt aber auch ein, dass es «Meinungsverschiedenheiten» gebe. Worin diese bestehen, deutete er gegenüber der «Thurgauer Zeitung» an. Die Hausarztpraxis soll den Prinzipien der Holistischen Medizin folgen, die körperliche und geistige Gesundheit als Ganzes betrachtet. Dies spreche möglicherweise nicht alle Ärzte an, so Andermatt. «Ich habe bisher mehrere Gespräche mit interessierten Ärzten geführt», sagt er. «Zum Abschluss sind wir nicht gekommen.»

Benno Andermatt steht dem Gesundheitssystem nach schlechten Erfahrungen kritisch gegenüber. Er will Reformen. Auf der Homepage der Q-Med an der Thur AG führt er seine Vision weiter aus. Im Gesundheitszentrum in Schönenberg soll es keine Berührungsängste zwischen Schulmedizin und Naturheilverfahren, zwischen therapeutischen oder homöopathischen Angeboten geben. Der Mensch mit all seinen Facetten stehe dabei im Fokus, ein «Sektierertum im Gesundheitswesen» wolle man ausschliessen. «Wir stehen für Religionsfreiheit», sagt er. Und dass er Ärzte oder Ärztinnen will, die sich «berufen» fühlen.

Über weitere Gründe lässt sich nur spekulieren. Diplomatisch spricht Benno Andermatt von «internen Klärungen», die noch getätigt werden müssen. Der eigenwillige Immobilienentwickler ist zusammen mit Walter Arnold und Ludwig Oberholzer Finanzier des Neubaus. Ihre Waloba AG ist Bauherrin. Mittlerweile ist als Besitzerin die Q-Med an der Thur AG eingetragen, eine reine Tochterfirma der Waloba AG, mit Andermatt und Arnold als Verwaltungsräten.

Aus der Betreiberfirma?

Eine weitere Tochterfirma ist die Thur-Praxis AG, welche als Betreibergesellschaft des Gesundheitszentrums in Erscheinung tritt. Beziehungsweise trat. Denn mit Eingangsstempel vom 6. März 2026 hat Benno Andermatt dem Amt für Handelsregister und Zivilstandswesen seinen Rücktritt mitgeteilt. Welche Auswirkungen das hat, bleibt abzuwarten. Da er der einzige Verwaltungsrat war, wird die Firma wohl gelöscht. Als Vermieter hat Benno Andermatt weiterhin Einfluss darauf, wer in der Hausarztpraxis einmal praktiziert. Doch aktiv nach geeigneten Personen will er nicht mehr suchen. «Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan», sagt er und es klingt ein wenig frustriert. Aber er sagt auch: «Ich habe verschiedene Personen im Visier, die infrage kämen.»

Verzögerung bedauerlich

Auf diese Informationen angesprochen, teilt die Gemeinde Kradolf-Schönenberg mit, dass es aus ihrer Sicht entscheidend ist, dass sämtliche medizinischen Angebote im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen, der kantonalen Bewilligungen sowie der berufsrechtlichen Vorgaben erfolgen. Dass ein ursprünglich formulierter Zieltermin nicht eingehalten wurde, sei bedauerlich. Wichtiger sei jedoch, dass sorgfältig gearbeitet werde, um nachhaltige Lösungen zu finden. «Wir wollen eine qualitativ hochstehende Grundversorgung, die Patientensicherheit und Professionalität gewährleistet», betont der zuständige Gemeinderat Dominik Bosshart.

Erst wenn eine oder mehrere geeignete Personen für die Arztpraxis gefunden sind und der Kanton die Praxisbewilligung erteilt hat, könne der Kredit in Höhe von 750 000 Franken beansprucht werden. Diese Regelung sei bewusst so gewählt worden, so Bosshart. Das Geld soll in den Ausbau des Erdgeschosses fliessen, «insbesondere für den medizinisch relevanten Ausbau», spezifiziert er. «Wir verfolgen damit eine zurückhaltende und verantwortungsbewusste Finanzpolitik.»

In einem weiteren Schritt kann die Gemeinde Aktionärin der Q-Med an der Thur AG werden. Eine Möglichkeit, die auch den Mietern des Gesundheitszentrums offen steht. Denkbar wäre zudem, den von der Gemeindeversammlung genehmigten Kredit in Form von Anschubfinanzierungen oder Darlehen zu verwenden. Damit wären grundsätzlich günstige Rahmenbedingungen geschaffen.

Wie Bauherr Andermatt mitteilt, bestehen im Erdgeschoss drei einzelne Behandlungszimmer. Theoretisch könnten drei Ärzte gleichzeitig praktizieren. Der Innenausbau läuft in diesen Tagen auf Hochtouren. Auch habe man schon medizinische Geräte evaluieren und offerieren lassen. Die Praxis wäre also im Nu ausgestattet. Der Antrag auf eine Praxisbewilligung sei ausserdem beim Gesundheitsamt dep0niert. Sobald er die Unterschrift einer geeigneten Fachperson nachreicht, könnte es losgehen, sagt er.

So bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen bald eine Lösung für die Hausarztpraxis finden. Allgemeinmediziner gibt es nämlich auf dem Gemeindegebiet von Kradolf-Schönenberg keine mehr. Der letzte Hausarzt war Dr. Daniel Mock. Er ist heute leitender Arzt im Ärztezentrum AachThurLand in Sulgen. Das Ärztezentrum trage wesentlich dazu bei, die medizinische Versorgung der Bevölkerung in dieser Übergangszeit aufrechtzuerhalten, so Gemeinderat Bosshart abschliessend. «Und darüber sind wir froh und dankbar.»

Stefan Böker