Freitag, 4. September 2026
AachThurLand. Hermelin und Mauswiesel sind wertvolle Helfer der Landwirtschaft und zugleich stark gefährdet. Biologe Tim Schoch von Pro Natura Thurgau erklärt, warum die kleinen Jäger so wichtig sind, weshalb sie fast verschwunden sind und wie neue Projekte im AachThurLand Hoffnung machen.
Kinder kennen sie aus Büchern: flinke, schlanke Jäger, die durch Wiesen huschen und blitzschnell verschwinden. Doch in der Realität sind Hermelin und Mauswiesel im Thurgau zu seltenen Schatten geworden. Wer heute eines sieht, hat Glück oder arbeitet wie Tim Schoch ganz nah an ihrem Lebensraum. Der Biologe und Projektleiter im Wieselprojekt von Pro Natura Thurgau kennt die Herausforderungen dieser Tiere wie kaum ein anderer. Und er weiss auch, was es braucht, damit sie wieder heimisch werden können.
Kleine Jäger mit grosser Bedeutung
Für Schoch steht ausser Frage, dass Hermelin und Mauswiesel mehr sind als niedliche Raubtiere der Kulturlandschaft. Sie sind zentrale Helfer der Landwirtschaft. «Das Hermelin ist ein wichtiger natürlicher Mäusejäger», erklärt er. «Eine Hermelin-Familie erbeutet mehrere Hundert Mäuse pro Jahr und hilft so, Mäusebestände auf natürliche Weise zu regulieren.» Wühlmäuse richten erhebliche Schäden an Wiesen, Kulturen und Obstbäumen an. Ihr wichtigster natürlicher Feind – das Wiesel – verschwindet jedoch zusehends. Der Rückgang betrifft nicht nur den Thurgau, sondern die gesamte Schweiz. «In vielen Regionen des Mittellandes sind Hermelin und Mauswiesel selten geworden oder lokal ganz verschwunden», sagt Schoch.
Der Hauptgrund sei klar: der Verlust geeigneter Lebensräume. Hecken, Steinhaufen, Altgrasstreifen – viele dieser Strukturen, früher selbstverständlich, sind der intensiven Landwirtschaft zum Opfer gefallen. «Ohne solche Verstecke und Jagdstrukturen finden Wiesel kaum Deckung und können ihre Jungen schlecht aufziehen», so Schoch weiter. Besonders hart trifft es strukturarme Gebiete wie das AachThurLand. Doch es gibt Hoffnung. Denn das Bewusstsein für Biodiversität wächst.
Das Wieselprojekt von Pro Natura Thurgau entstand nicht im Büro, sondern auf den Feldern. «Wir erhielten immer wieder Anfragen von Landwirtinnen, Landwirten und Grundeigentümern, die ihre Flächen ökologisch aufwerten wollten», erzählt Schoch. Daraus entwickelte sich eine breit abgestützte Zusammenarbeit.
Gemeinsam für mehr Lebensraum
Ziel: Den Tieren wieder Lebensraum bieten und gleichzeitig die Landwirtschaft unterstützen. Im Bezirk Weinfelden und im AachThurLand sieht er grosses Potenzial. «Hier gibt es grosse zusammenhängende Landwirtschaftsflächen, in denen strukturreiche Elemente teilweise fehlen. Genau dort können Aufwertungen wie Ast- und Steinhaufen, Hecken oder Altgrasstreifen besonders viel bewirken.»
Zahlreiche Massnahmen wurden bereits umgesetzt, weitere sollen folgen. Entscheidend sei, dass die Landschaft vernetzt werde, damit Wiesel zwischen Jagdflächen und Verstecken wechseln könnten. Was aber macht eine gute Kleinstruktur aus? «Ast- oder Steinhaufen sollten locker aufgebaut sein, sodass sich im Inneren Hohlräume bilden», erklärt Schoch. Diese dienen als Rückzugsort und Jungenaufzucht. Und sie müssen dort stehen, wo Wiesel jagen: an Hecken, Waldrändern oder extensiven Wiesen. Ideal ist ein Netz aus mehreren Strukturen, verteilt über die Landschaft. Hecken und Altgrasstreifen bezeichnet er als «Lebensadern» für die Tiere. «Entlang solcher Strukturen bewegen sie sich auf der Jagd nach Mäusen und sind dabei gut geschützt.»
Ein häufiger Irrtum ist, dass solche Massnahmen viel Aufwand bedeuten. Doch laut Schoch ist das Gegenteil der Fall. «Viele Fördermassnahmen lassen sich mit relativ wenig Aufwand umsetzen. Material für Asthaufen fällt auf den Betrieben ohnehin an, und Altgrasstreifen lassen sich gut integrieren.» Pro Natura unterstützt bei Planung, Umsetzung und – wenn nötig – finanziell.
Kleine Massnahmen, grosse Wirkung
Natürlich begegnet Schoch auch Skepsis. Doch sie schwindet meist schnell. «Wenn die Betriebe sehen, dass die Massnahmen überschaubar sind und wir sie eng begleiten, werden viele neugierig und oft auch überzeugt.» Das Wiesel habe einen entscheidenden Vorteil: «Es ist als natürlicher Mäusejäger praktisch überall willkommen.» Zur Förderung gehört auch die richtige Bewirtschaftung. Ein oft unterschätzter Faktor ist die Mahd. «Wird eine Wiese komplett auf einmal gemäht, verlieren Wiesel auf einen Schlag ihre Deckung.» Ein gestaffelter Schnitt hingegen lasse stets Rückzugsräume stehen und erhöhe die Überlebenschancen erheblich. Ein einfacher, aber wirksamer Schritt. Messbare Erfolge gibt es bereits. «In Wuppenau und Schönholzerswilen konnten wir viele Aufwertungen umsetzen, und die Artenvielfalt hat dort sichtbar zugenommen», sagt Schoch. Um dies künftig wissenschaftlich fundiert zu dokumentieren, plant Pro Natura ein genaueres Monitoring. Ein Wiesel ist klein, aber sein Einfluss ist gross. «Ein Wiesel braucht täglich mindestens ein bis zwei Mäuse und jagt sehr effizient», erklärt Schoch. «Es kann den Mäusen sogar in ihre unterirdischen Gänge folgen.»
Ein Projekt für die Zukunft
Hermelin und Mauswiesel gelten als wichtige Indikatoren für die ökologische Qualität einer Region. «Wo Wiesel vorkommen, ist die Landschaft meist strukturreich und gut vernetzt», sagt Schoch. Davon profitieren auch viele andere Arten – von Vögeln bis zu Reptilien. Was sich der Biologe für die Zukunft wünscht, klingt bescheiden und gleichzeitig ambitioniert: «Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mit möglichst vielen Landwirtinnen, Landwirten und Grundeigentümern weitere Lebensräume schaffen können.» Und er betont, dass auch Privatpersonen helfen können: Wiesel-Sichtungen melden, auf das Thema aufmerksam machen, bei Pflegeeinsätzen mithelfen. Am Ende geht es um eine Idee, die weit über das Wiesel hinausgeht: um eine lebendige Kulturlandschaft. «Wichtig ist vor allem, dass unsere Landschaft wieder etwas strukturreicher wird. Davon profitieren nicht nur Wiesel, sondern viele weitere Arten.» Vielleicht huscht dann bald wieder häufiger ein weisses Hermelin durch die Felder im AachThurLand – schnell, leise, aber nicht mehr unsichtbar. Ein kleines Zeichen dafür, dass die Natur zurückkehrt.
Benjamin Schmid
