Kradolf. Wer Willi Oertig in seinem Atelier an der Bahnhofstrasse 22 besuchte, brachte am besten viel Zeit mit. Seine Redelust war ebenso legendär wie seine Kreativität und Schaffenskraft. Mit ihm hat die Gemeinde Kradolf ihren prominentesten Künstler verloren und der Thurgau einen seiner bekanntesten Maler.

Es ist immer wieder inspirierend, Menschen zu begegnen, die einfach «ihr Ding durchziehen». Ein solcher Typ war Willi Oertig. «Kunstmaler» steht im Telefonbuch. Und als diesen hat er sich betrachtet. Er verwendete die Bezeichnung als Gegenentwurf zum hochgestochenen «Künstler», der sich über das vermeintlich blosse Handwerk erhebt.

Willi Oertig war solcher Dünkel egal. Er kannte keine Berührungsängste. Mehr noch: Bei ihm geriet «Kunstmaler» zum Kampfbegriff, ein Ausdruck, den er mit Stolz benutzte. Denn Bilder müssen auch verkauft werden, fand er. Ausstellungen dürfen nicht langweilig, nicht blutleer sein. «Man muss einfach etwas machen. Man muss drauf!», rief er.

«Es gibt Bier!»

Seit meinem Start beim Neuen Anzeiger im Winter 2024 habe ich Willi Oertig öfter in seinem Atelier besucht. Ein bisschen Lästern über eingebildete Akteure des Kunstbetriebs und politische Dickköpfe gehörte immer dazu. Wenn wir uns schrieben, stand am Ende seiner Nachricht oft: «Es gibt Bier!» Ein Pressetermin bei ihm war unkonventionell und dauerte länger als anderswo. Dafür ging ich dann auch einfach so mal bei ihm vorbei. Blieb, bis ich nicht mehr aufnahmefähig war und ging mit allerlei Ideen im Kopf. In unseren Gesprächen streiften wir alle möglichen Themen. Wobei ich öfter zuhörte und er meistens redete.

Er war einer der bekanntesten Thurgauer Künstler – und er war farbenblind, so wie ich. Wenn er demonstrierte, wie er seine Farben nach eigenen Formeln mischt und mit winzigen Pinseln auf die Leinwand aufträgt, musste ich staunen. Und er hat sich alles selbst beigebracht. Schon als Teenager experimentierte er mit dem Malkasten. Mit 20 mietete er ein zwölf Quadratmeter grosses Zimmer am Limmatquai. Bald war es vollgestopft mit Bildern. Wenig später folgte seine erste Ausstellung, an der er alle 13 Ölbilder verkaufte – die er selbst dort hingeschleppt hatte, wie er betonte. Seitdem konnte er von seiner Kunst leben.

In seiner Laufbahn hat er über 1100 Bilder gemalt. Und fast alle verkauft. Ein Umstand, auf den er wirklich stolz war und über den Verbleib der Bilder führte er akribisch handschriftliche Listen.

Zu seinen Kunden gehörten auch die Gemeinden Kradolf-Schönenberg und Sulgen. Erst letzten Winter berichtete ich von einer Bildübergabe. Für Privatpersonen übernahm er Auftragsarbeiten mit Fotos als Vorlagen, die ihm die Kunden brachten. Und wer ihn besuchte, verewigte sich im Gästebuch. «Die Kunst des gut gefüllten Gästebuchs», schrieb ich.

Malen sei auch ein Kampf, hat er gesagt, als ihn die Gemeinde Kradolf-Schönenberg an ihrem Neujahrsapéro 2024 ehrte. Ich glaube nicht, dass er das wortwörtlich meinte. Mir hat er damals erzählt, dass er immer noch fast täglich vor der Staffelei sitze. «Nachdem ich ausgeschlafen habe», wie er verschmitzt hinzufügte. Und wenn er malte, musste Rockmusik laufen. Die Stones, die Doors und Led Zeppelin spielte er mir im Atelier vor. Sogar Kassetten hörte er noch mit einem gelben Walkman und dazugehörigen kleinen Boxen – eine Rarität, genauso wie sein Besitzer.

Wie jeder echte Könner hat er es verstanden, alles so leicht erscheinen zu lassen, so machbar. Ein aussergewöhnlicher Künstler, der bis zuletzt mit viel Energie und Spass an seinem Werk arbeitete.

Nach kurzer Krankheit ist Willi Oertig am Freitag, 21. August, im Alter von 79 Jahren im Beisein seiner Familie gestorben. Seine Kunst wird bleiben – und mit ihr die Erinnerung an einen Menschen, dem man gerne begegnet ist.

Stefan Böker