6. November 2026

Sulgen. Seit über 46 Jahren fährt Erich Hungerbühler mit dem Velo zur selben Arbeit. In Sulgen schätzt man den verlässlichen Apparatebauer, doch seine wahre Leidenschaft reicht mit Funkwellen weit in die Welt hinaus.

Wer morgens durch die Strassen geht, sieht ihn vielleicht auf seinem Zweirad. Seit über 46 Jahren nimmt Erich Hungerbühler Tag für Tag denselben Weg zur Arbeit in dieselbe Firma – eine seltene Beständigkeit in der heutigen Zeit. Seine familiären und geografischen Wurzeln liegen tief im Thurgau verankert, einer Region, der er bis heute treu geblieben ist. Als Kind hatte er noch einen klassischen Berufswunsch vor Augen, denn er wollte Elektriker werden. Daraus wurde zwar laut eigenen Angaben leider nichts, doch der Lebensweg führte ihn stattdessen in den soliden Beruf des Apparatebauers. Eine Entscheidung, die er rückblickend keineswegs bereut, denn diese Arbeit begleitete ihn verlässlich durch sein gesamtes Berufsleben, und wie er selbst zufrieden festhält: «Es hat sich auch gelohnt.»

Mondlandung prägte ihn

Ein Blick zurück in seine Jugend offenbart Momente, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das prägendste Ereignis jener Jahre war die erste Mondlandung, ein historischer Augenblick, den er damals gemeinsam mit seiner Mutter gebannt in der heimischen Stube vor dem Fernseher mitverfolgte. Es war eine Epoche des globalen Aufbruchs, doch Erich Hungerbühler fand seine eigenen grossen Herausforderungen zunächst in nächster Nähe. Als mutigsten Schritt seines Lebens bezeichnet er eine Episode aus seiner Militärzeit: Er transportierte mit dem Lastwagen scharfe Panzermunition und Sprengstoff quer durch die gesamte Schweiz. Es brauchte Nerven aus Stahl für diese gefährlichen Fahrten, doch sie festigten seinen Charakter, den Menschen aus seinem Umfeld heute kurz und bündig als «gut» beschreiben. Sein ganzer Stolz ist jedoch untrennbar mit einer anderen Leistung verbunden, nämlich dem Bestehen der anspruchsvollen Funkerprüfung bei der damaligen PTT.

Die Leidenschaft für den Funk prägt ihn so sehr, dass er seinem eigenen Leben, wäre es ein Kinofilm, prompt den Titel «Der Schwarzfunker» geben würde. Es ist das faszinierende Spiel mit den Frequenzen, das ihn mit der weiten Welt verbindet, obwohl er selbst die grossen Meere dieser Erde nie gesehen hat. Dass er früher nie auf weltweite Reisen ging und weder den Atlantik noch andere Ozeane erblickte, ist eine der wenigen Entscheidungen in der Vergangenheit, die er heute bedauert. Seine Energie für den Alltag tankt er ohnehin lieber in der nahen Natur, am liebsten im idyllischen Auwald, wo er Ruhe und Kraft findet. Sulgen ist für ihn der ideale Lebensmittelpunkt, ein gut gelegener Ort mit hervorragenden Einkaufsmöglichkeiten und einer schnellen Anbindung an Städte wie Zürich oder St. Gallen. «Ein Ort, um gut zu leben», urteilt er sichtlich zufrieden über seine Heimatgemeinde, in der er sich rundum wohlfühlt.

Lob für die Gemeinde

Probleme sieht Erich Hungerbühler hier kaum, denn im Vergleich mit anderen Gemeinden stehe Sulgen an vorderer Stelle, und auch der Gemeiderat funktioniere tadellos. Politischen Frust oder radikale Meinungsänderungen kennt er nicht: «Meine Meinung wurde nie gefragt, darum gab es auch nie eine Meinungskompass-Änderung.» Auch schmerzhafte Kompromisse, die ihm heute noch Bauchschmerzen bereiten würden, musste er in seiner Vergangenheit nie eingehen. Sein Leben verlief nach eigener Einschätzung stets «mittelständig und gut», weshalb er auch von grossen Rückschlägen verschont blieb. Wenn ihn überhaupt etwas ärgert, dann sind es die klassischen Besserwisser, «die sowieso von der Materie keine Ahnung haben», sowie der zunehmende Neid in der Gesellschaft.

Bereit fürs Nichtstun

Mit Erich Hungerbühler lässt sich fast alles unkompliziert verhandeln, solange ein einfacher, aber strikter Grundsatz eingehalten wird: «Soweit es mir und anderen nicht schadet.» Vor ihm liegt nun ein neuer Lebensabschnitt, denn sein aktuell grösstes Projekt besteht darin, sich ganz bewusst auf die bevorstehende Pension einzustellen. Für die nächsten fünf Jahre hat er sich daher ein ungewöhnliches Ziel gesetzt, denn er möchte unbedingt lernen, einfach mal nichts zu tun.

Seinem 18-jährigen Ich würde er heute rückblickend vor allem zwei Ratschläge mit auf den Weg geben: «Sich im Beruf kontinuierlich weiterzubilden und gleichzeitig unsere Gemeinschaft stets zu schätzen.» Wenn irgendwann in der Zukunft die Chronisten das Geschichtsbuch der Gemeinde aufschlagen, hat Erich Hungerbühler eine ganz klare Vorstellung davon, welche Zeilen dort über ihn geschrieben stehen sollten. Er möchte als jener «Historiker und Funker, der unsere Gemeinde mit dem Funk weltweit publik machte», in Erinnerung bleiben. Erich Hungerbühler, ein Thurgauer Original, das mit dem Velo zur Arbeit fährt, im Auwald Kraft tankt und von Sulgen aus die Wellen um den Globus schickt.

Benjamin Schmid