Freitag, 23. Januar 2026
Sulgen. Ein Elternabend, der unter die Haut ging: An der Oberstufe Befang in Sulgen zeigten Schülerinnen und Schüler der 3. Oberstufe eindrücklich, wie wichtig Prävention häuslicher und sexualisierter Gewalt ist. Fachliche Inputs und persönliche Einblicke machten deutlich, warum frühe Aufklärung entscheidend ist.
Leise Musik erfüllte den Singsaal am Befang. Oberstufenschülerinnen sangen «A Million Dreams». Es war ein ruhiger, fast zarter Einstieg und zugleich ein starker. Denn genau um diese Träume ging es an diesem Abend: um Zukunft, Sicherheit und Beziehungen, die tragen.
Alexandra Ospelt, stellvertretende Schulleiterin der Oberstufe Sulgen, griff diesen Gedanken in ihrer Ansprache auf. «Für ein gutes Leben und entspannte Träume braucht es Sicherheit», sagte sie. «Es braucht verlässliche Beziehungen – Menschen, die einen ernst nehmen und beim Wachsen unterstützen.» Wo jedoch Grenzüberschreitungen Raum einnehmen, würden Träume gebremst oder ganz verhindert.
Jugendliche Welten
Was Jugendliche heute prägt, spielt sich längst nicht mehr nur im Klassenzimmer oder im Freundeskreis ab. Ospelt sprach offen über digitale Einflüsse, die Beziehungsvorstellungen verzerren können. Begriffe wie Manosphäre, Tradwife oder das Male-Loneliness-Syndrom seien vielen Jugendlichen geläufig, Erwachsenen hingegen oft fremd. In diesen Online-Welten würden toxische Männlichkeitsbilder verbreitet, traditionelle Rollen romantisiert oder Einsamkeit verstärkt.
«Social Media kann Beziehungsideale normalisieren, die alles andere als gesund sind», betonte Ospelt. Genau hier setzte das Projekt der 3. Oberstufe an. Über mehrere Wochen hinweg beschäftigten sich die Jugendlichen intensiv mit dem Thema Prävention häuslicher und sexualisierter Gewalt. Ziel war es, nicht nur Fakten zu vermitteln, sondern ein Bewusstsein für subtile, schleichende Formen von Gewalt zu schaffen. «Gewalt zeigt sich nicht immer offensichtlich. Sie kann emotional sein, leise, kaum greifbar», wurde an diesem Abend mehrfach deutlich.
Zahlen, die wachrütteln
Die Aktualität des Themas unterstrich ein Blick auf die Statistik. Im Kanton Thurgau stieg die häusliche Gewalt 2024 um 37 Prozent auf 688 Straftaten – durchschnittlich zwei pro Tag. In den letzten zehn Jahren wurden 17 Frauen durch Männer getötet, es gab 29 Tötungsversuche. Diese Zahlen machten klar: Häusliche Gewalt ist kein fernes Problem, sondern betrifft auch unsere Gemeinden.
Schulsozialarbeiterin Barbara Dudli erklärte, warum Präventionsarbeit heute anders gedacht werden muss als früher. «Lange lag der Fokus auf potenziellen Betroffenen mit Verhaltenstipps, die am Ende oft zu Victim-Blaming führten», sagte sie. Betroffene würden sich schämen und schweigen, während Tatpersonen nicht in Verantwortung genommen würden.
«Die effektivste Form der Gewaltprävention ist die Verhinderung von Gewalttaten durch präventive Täterinnen- und Täterarbeit.» An der Oberstufe Sulgen bedeutet das: kontinuierliche Arbeit an Beziehungen und Haltung, eine klare Null-Toleranz-Haltung gegenüber Gewalt, Wissensvermittlung sowie die Förderung von Beziehungskompetenzen und Gleichstellung. Ein zentrales Element ist das Präventionsprojekt «Herzsprung», das Dudli gemeinsam mit Lekaj und Steinbrunner umsetzt.
Jugendliche geben dem Thema ein Gesicht
Der eindrücklichste Teil des Abends gehörte jedoch den Schülerinnen und Schülern selbst. In Videos, Präsentationen, Sketchen und einem interaktiven Kahoot-Quiz erklärten sie die fünf Formen häuslicher Gewalt: physisch, psychisch, sexualisiert, ökonomisch und sozial. Besonders eindringlich war ein Sketch zur Gewaltspirale und zur Frage, wie sie durchbrochen werden kann. In der anschliessenden Ausstellung kamen Eltern und Jugendliche miteinander ins Gespräch, stellten Fragen, hörten zu.
Zwischendurch folgte das Fachreferat von Floo Steinbrunner, Sozialpädagoge HF, der aus seiner Arbeit im Massnahmenvollzug mit jungen Männern berichtete. Er schilderte offen, mit welchen Herausforderungen er konfrontiert ist: hohe Scham, Abwehr, Rechtfertigungen. «Gewalt hört nicht auf, weil jemand einsieht, dass sie falsch ist», sagte Steinbrunner. «Gewalt hört auf, wenn Menschen andere Handlungsoptionen haben.»
Er sprach über Therapieziele, die keine «Straftäter-Kompetenzen», sondern Lebenskompetenzen seien: Emotionswahrnehmung, Selbstregulation, Verantwortungsübernahme, Perspektivenwechsel und Beziehungsfähigkeit. Entscheidend seien Beziehungen vor Intervention, Klarheit statt Moral und Konsequenzen statt Strafen. «Prävention beginnt früh», betonte Steinbrunner. «Kinder lernen nicht, Konflikte zu lösen, indem man ihnen sagt, sie sollen ruhig sein. Sie lernen es, indem wir es vorleben.»
Gemeinsame Aufgabe
Zum Abschluss wurde nochmals gespielt – ein letzter Sketch von drei Schülerinnen, der zeigte, wie viel Reflexion und Mut in diesem Projekt stecken. Dieser Elternabend war mehr als eine Schulveranstaltung. Er war ein gemeinsames Innehalten und ein klares Zeichen dafür, dass Gewaltprävention eine Aufgabe ist, die Schule, Eltern und Gesellschaft gemeinsam tragen müssen. Oder, wie Floo Steinbrunner es formulierte: «Wenn wir Gewalt nicht nur verurteilen, sondern verstehen, ohne sie zu entschuldigen, leisten wir echte Prävention. Und das ist keine Aufgabe einer Generation – das ist eine gemeinsame.»
Benjamin Schmid
