Freitag, 13. Februar 2026
Erlen. Seit Ende Oktober gibt Zoey Streckeisen im Basement Vollgas. Aktuell zelebrieren sie und ihre Gäste die traditionelle Beizenfasnacht – eine junge Generation, die Dekoration und Stangentanz als Kulturgut wertschätzt und keine Angst davor hat, anrüchig zu wirken.
Die Beizenfasnacht in der Ostschweiz ist Jahr um Jahr ein beliebtes Thema für die Medien. Mal wird die «Füdlifasnacht» schaulustig beraunt, mal wehmütig der Niedergang einer Tradition bedauert. Doch obwohl dekorierte Beizen immer weniger werden: Für ein paar letzte Mohikaner gehört das feucht-fröhliche Treiben mit viel nackter Haut einfach zur fünften Jahreszeit dazu. Bemerkenswert ist, wenn sich junge Menschen für die Beizenfasnacht begeistern. So wie Zoey Streckeisen, Jahrgang 2001, und somit der «Gen Z» angehörig, also der Generation, die für gesunden Lebenswandel und politische Korrektheit bekannt ist – und eher weniger für Rötali-Shots und Striptease.
Stangentanz und Trinkkultur
Doch genau das gibt es noch bis 8. März in ihrer Bar «The Basement». «Ich finde Poledance schön anzuschauen, für mich ist das eine Kunstform», schwärmt die junge Frau über gekonnte Darbietungen. Ihre Tänzerinnen sind Profis, die sie über eine Agentur gebucht hat. Was die Frauen drauf haben, ist nicht alltäglich. Auch die Dekoration ist aufwändig. An blinkenden Lichtern vorbei und einer mit der Motorsäge geschnitzten Rütlischwur-Skulptur führt die Treppe ins Lokal hinab. Innen sind die Wände mit bunten Szenen aus dem Wilden Westen bemalt. Die «Tapeten» hat ein erfahrener Kunsthandwerker passend zum Motto geschaffen. Am Eingang hängt ein zur Schlinge geknotetes Lasso und bei Gästen wie beim Team sieht man Cowboyhüte und -stiefel. «Dem Publikum gefällt das, so kommt Stimmung auf. Es macht den Abend zu etwas Besonderem», sagt die Wirtin. Fürs «Saloon»-Ambiente zahlen die Besucher gerne den Zuschlag von einem Franken pro Getränk.
Country-Rock und Küsschen
Und die Besucherinnen ebenfalls. An diesem Donnerstagabend ist das Lokal schon gut gefüllt. Aus den Boxen tönt Country-Rock; etwa 25 Personen durchmischten Alters sitzen an der Bar und an den Tischen. Obwohl grösstenteils Männer hier sind, stossen auch Frauen mit an. Gastgeberin Zoey kennt viele, grüsst hier, hält dort einen Schwatz und gibt einer Bekannten ein Küsschen auf die Backe. Trotz ihres jungen Alters hat die Landwirtstochter aus Mauren schon viel Erfahrung in der Szene gesammelt. Schon ihre Mutter arbeitete im Service, «ich bin praktisch in der Beiz gross geworden», sagt sie. Sie ist bekannt.
Séparée mit Ketten
Jede Stunde gibt es eine Vorführung an der Stange. Wer keine Geduld hat, kann direkt bei den Tänzerinnen buchen; sie arbeiten auf eigene Rechnung. Oder man kauft sich Lose für zwei Franken und mit etwas Glück gewinnt man einen Stangentanz. Ein Tanz im Séparée hingegen kostet ab 60 Franken aufwärts. Im schwarz ausgekleideten Raum steht ein Sofa, Ketten hängen an den Wänden. Die Gäste dürfen die Musik selbst auswählen. Bezahlt wird pro Song.
Obwohl sie seit Ende Oktober täglich geöffnet hat, sprüht Zoey Streckeisen vor Energie. Man spürt ihre Leidenschaft für das Nachtleben – und den Spass, den ihr der Kontakt mit den Gästen bereitet. Sie selbst sieht sich als Kämpferin gegen das Beizensterben und als Bewahrerin der Tradition. «Warum etwas begraben, das funktioniert?», fragt die Geschäftsfrau mit dem Nasenpiercing und den Tattoos rhetorisch. Dass die Beizenfasnacht bei vielen Menschen in Verruf ist, versteht sie nicht. «Wahrscheinlich hat sich wer daneben benommen», mutmasst sie. Im Basement kommen Querelen selten vor, und wenn doch ein Streit ausbricht, dann regelt man das schnell untereinander. «Es geht sehr familiär zu hier. Wir schauen aufeinander. Es hat sich auf jeden Fall noch niemand getraut, mich anzuschreien», sagt sie. Und für die Tänzerinnen gibt es Security.
Mit der Dekoration ist sie ein finanzielles Risiko eingegangen. Der erhoffte Umsatz würde ihr helfen, für die Zukunft zu planen. Vorerst ist ihr Vertrag mit dem Besitzer auf ein Jahr befristet. Was nach der Fasnacht kommt? Dafür hat die junge Frau schon viele Ideen, von Live-Musik bis zu Töffli-Treffs. Eines ist auf jeden Fall sicher und man glaubt es ihr sofort: «Ich mache einfach, wozu ich Lust habe.»
Stefan Böker
