Freitag, 9. Januar 2026

Schönenberg. Mit dem traditionellen Neujahrsapéro am 2. Januar startete Kradolf-Schönenberg ins neue Jahr. Es ist ein besonderes, kann die politische Gemeinde heuer doch ihr 30-jähriges Bestehen feiern.

Eine dreistellige Teilnehmerzahl ist beim Neujahrsapéro der Vier-Dörfer-Gemeinde nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Es gehört gewissermassen zur DNA der Einwohnerinnen und Einwohner, sich am Berch­toldstag im «Klein Rigi» zu treffen und gemeinsam auf das neue Jahr anzustossen. Etwas war diesmal jedoch anders: Der Anlass begann mit einer Schweigeminute. «Die schreckliche Brandkatastrophe an Silvester im Wallis hat uns sehr bewegt und macht uns sprachlos. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und deren Familien.» Einen Neujahrsapéro einmal mit solchen Worten eröffnen zu müssen, damit konnte Gemeindepräsident Heinz Keller realistischerweise nicht rechnen. Er räumte ein, dass der Gemeinderat über eine Absage der Veranstaltung diskutiert habe, dann aber anders entschieden habe, um – einem lieb gewonnenen Brauch folgend – das neue Jahr gemeinsam mit der Bevölkerung einzuläuten.

Keller liess zunächst ein «sehr ereignisreiches Jahr» Revue passieren, in dem der Gemeinderat in 20 Sitzungen 315 Geschäfte behandelt habe und in dessen Verlauf Max Staub nach zehnjähriger Behördentätigkeit durch Roman Gnägi ersetzt worden sei. Keller äusserte seine Freude über die hohe Beteiligung an der Bevölkerungsumfrage und sah darin eine Wertschätzung gegenüber dem Gemeinderat und der Gemeindeverwaltung. Stolz sei er auf die Vereine und deren Erfolge, sagte Keller und schloss in diese Anerkennung auch die vielen gewerblichen und gastronomischen Betriebe in der Gemeinde mit ein. Er appellierte an seine Zuhörerschaft, diese Angebote zu nutzen, denn sonst gebe es sie eines Tages nicht mehr.

Geschichte zum Nachdenken

Bevor er einen Blick auf die nächsten zwölf Monate warf, nahm der Gemeindepräsident eine alte Tradition auf und trug eine Geschichte vor. Es war wie gewohnt eine, die zum Schmunzeln und zum Nachdenken gleichermassen anregte. Die Erzählung handelt von einem Vater und seinem Sohn. Die beiden sind mit einem Esel unterwegs. Mal reitet der Vater auf dem Tier, mal der Sohn oder dann auch einmal beide gleichzeitig oder keiner von beiden. In allen Fällen hagelt es Kritik. Und so kommt der Vater am Ende zu dieser Erkenntnis: «Ich glaube, wir müssen selbst entscheiden, was wir für richtig halten und danach handeln.» Warum der Gemeindepräsident diese Geschichte erzählte? «Weil es ein guter Hinweis für unser eigenes Handeln ist. So wollen wir das Jahr 2026 angehen», erklärte Keller.

Ein passender Vergleich

In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, in jenen Tagen also, in denen vieles erledigt wird, wozu in den 51 Wochen davor die Zeit fehlte, hatte der Gemeindepräsident beim Entrümpeln zu Hause einen alten Kompass gefunden. «Der weiss bestimmt, wo es langgeht», hatte sich Keller gedacht und sogleich eine Enttäuschung erlebt, als die Nadel begann, sich munter in alle Richtungen zu drehen. Zunächst habe er gemeint, der Kompass sei defekt «oder einfach nur sehr ehrlich»? Auch im zurückliegenden Jahr habe sich manches gedreht und Dinge, die lange Zeit selbstverständlich waren, seien es plötzlich nicht mehr gewesen. «Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber vieles liegt in unserer Haltung. In der Gemeinde erleben wir das besonders deutlich», sagte Keller.

Eine Gemeinde sei kein Uhrwerk, bei dem jedes Rädchen immer perfekt ins nächste greift, erklärte Keller. Vielmehr sei sie ein lebendiger Organismus. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sei sie ein Ort der Orientierung. Dann verlieh Keller seinen Ausführungen gar einen philosophischen Anstrich, indem er meinte: «Orientierung heisst nicht, dass immer alles klar ist. Orientierung heisst, dass man weiss, woran man sich halten kann.» Manchmal wüssten wir nicht genau, wohin der Weg führt, aber wir wüssten sehr wohl, was wir nicht verlieren wollen: den Zusammenhalt, ein offenes Ohr füreinander, die Nächstenliebe und die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Auf die Marotten seines alten Kompasses verweisend, riet Keller, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn der Weg anders verläuft als gedacht. Das neue Jahr verlange nicht, alles im Griff zu haben. Es gelte, aufmerksam und geduldig zu sein und auch dann weiterzugehen, wenn der innere Kompass kurz zögert. «Wir müssen nicht perfekt sein, aber wir können verlässlich sein», stellte der Gemeindepräsident fest.

Am Ende seiner Rede teilte Keller mit, dass das 30-Jahr-Jubiläum der Politischen Gemeinde Kradolf-Schönenberg nicht mit einem einzigen grossen Fest, sondern mit vielen kleinen, über das Jahr verteilten Anlässen und Aktivitäten gefeiert werden soll. So könne man während des ganzen Jubiläumsjahrs miteinander unterwegs sein.

Als Geschenke für die über 200 erschienenen Einwohnerinnen und Einwohner lagen Kugelschreiber mit Gemeindelogo sowie eigens hergestellte Ansichtskarten mit kommunalen Sujets bereit.

Georg Stelzner