Freitag, 3. Juli 2026
Sulgen. Mädchen und Buben des Schulhauses Oberdorf profitieren vom «Klassenmusizieren mit Blasinstrumenten». Das Pilotprojekt ist gemeinsam von der Musig Sulgen und der Volksschulgemeinde Region Sulgen auf die Beine gestellt worden und erweist sich als Erfolg.
Montagmorgen um halb neun: Eine Gruppe von Mädchen und Buben der 3./4. Klasse des Schulhauses Oberdorf überquert den Pausenplatz und begibt sich in einen Raum unter der Turnhalle. Es ist das Probelokal des Vereins Musig Sulgen (ehemals: Musikgesellschaft Sulgen), wo die Kinder gleich in die Welt der Musik eintauchen werden. Nicht theoretisch, sondern eigenhändig auf einem Blasinstrument spielend. Silvan Tschopp, der die 45 Minuten dauernde Lektion leiten wird, begrüsst jedes Kind persönlich mit Vornamen. An diesem Tag sind es 17 Kinder, bei vollzähliger Präsenz wären es 20. Ebenfalls anwesend ist Denise Edelmann als Unterrichtsassistentin.
Klasse wird zum Orchester
Für kurze Zeit klingt es im Raum fast wie in einem Orchestergraben vor einem Konzert, doch dann beginnt der Unterricht, dessen Besuch obligatorisch ist, ohne Umschweife. «Wir spielen alle zusammen ein Do, ein schönes Do, und dann ein Re», sagt Tschopp, der sich aber nicht mit dem erstbesten Versuch zufriedengibt. Hier wie auch bei weiteren Gelegenheiten lässt er die gestellte Aufgabe wiederholen, wenn sie nicht zu seiner Zufriedenheit gelöst worden ist. Einen gewissen Qualitäts- und Perfektionsanspruch müsse man haben, doch dürfe den Kindern dadurch die Freude am Musizieren nicht vergällt werden, lautet Tschopps didaktischer Grundsatz. Als Dirigent der Jugendmusik AachThurLand und der Beginner-Band der Musikschule Bischofszell verfügt er über die nötige Erfahrung für die Probenarbeit auf Nachwuchsebene. Als Höhepunkt der dieswöchigen Lektion erklingt gegen Ende der Lektion das von allen 17 Kindern gemeinsam gespielte Stück «Bruder Jakob».
Tschopp kommt zugute, dass er inzwischen die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kindes gut kennt. So weiss er, von wem er mehr fordern darf und bei wem er auch mal ein Auge – respektive ein Ohr – zudrücken kann. Er spart nicht mit Lob, wenn er feststellt, dass «die ersten sieben Takte super» waren, und spornt die Kinder an, «mutig zu spielen». Er nimmt aber auch erzieherische Aufgaben wahr; etwa dann, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht der Versuchung widerstehen können, miteinander zu plaudern, während andere auf ihrem Instrument spielen. Tschopp legt auch Wert auf Fairness und Respekt im Umgang miteinander, weil diese Dinge auch sonst im Leben wichtig seien.
Das Klassenmusizieren, das von der Musig Sulgen seit dem laufenden Schuljahr mit Unterstützung der Volksschul-gemeinde Region Sulgen durchgeführt wird, ist einerseits den Anforderungen des Lehrplans 21 geschuldet, der die Schulen vermehrt verpflichtet, musikalisches Wissen zu vermitteln. «Die Kinder sollen Musik erleben und auch selbst anwenden können», erklärt Tschopp. Anderseits wird mit diesem Pilotprojekt auch die Hoffnung verbunden, dem fehlenden Nachwuchs in den Musikvereinen entgegenwirken zu können. Die sinkenden Mitgliederzahlen nehmen bisweilen schon existenzbedrohende Ausmasse an. Wie viele andere Vereine hat auch die Musig Sulgen eine eigene Musikschule, doch wird dieses Angebot je länger, je weniger genutzt. Man muss reagieren und dabei auch neue Wege beschreiten.
Bevor das Pilotprojekt im Vorjahr gestartet wurde, hatten die Kinder Gelegenheit, sich unter fachkundiger Anleitung mit den Blasinstrumenten vertraut zu machen und das für sie geeignete auszusuchen. Zur Auswahl standen Querflöte, Klarinette, Saxofon, Trompete, Posaune und Bariton. Dass das Klassenmusizieren mit Blasinstrumenten durchgeführt wird, hat laut Tschopp vor allem praktische Gründe. Blasinstrumente seien pflegeleicht und einfach zu transportieren, argumentiert der Vizedirigent der Musig Sulgen. Ausserdem ermöglichten Blasinstrumente recht bald das Musizieren in der Gruppe – etwas, für das sich Kinder begeistern könnten und das ihnen gemeinsame Erfolgserlebnisse ermögliche.
Mittelstufenband
Vorerst profitieren in der VSG Region Sulgen nur Kinder aus dem Schulhaus Oberdorf vom neuen Schulfach, was vor allem finanzielle Gründe hat. Für das Pilotprojekt hat die Musig Sulgen im Vorjahr eigens die benötigten Instrumente angeschafft. Im Schuljahr 2026/27 werden nur noch die Viertklässler in den Genuss dieses speziellen Musikunterrichts kommen. Die Drittklässler sollen angesichts von Wechseln bei der Lehrperson und zusätzlichen Unterrichtsfächern nicht überfordert werden. Mit der ebenfalls von Silvan Tschopp geleiteten «Wind Band» wird interessierten Mittelstufenkindern ab dem Schuljahr 2026/27 eine Möglichkeit geboten, sich musikalisch weiterzuentwickeln. «Es wäre schade, wenn Potenzial verlorenginge», sagt Tschopp. Sein Fazit bezüglich des Klassenmusizierens fällt positiv aus. Man habe das Pilotprojekt ohne grosse Erwartungen in Angriff genommen und könne bereits jetzt von einem Erfolg sprechen. Dies bestätigten die positiven Rückmeldungen seitens vieler Lehrpersonen und Eltern sowie der Schulbehörde. Nach Beendigung der Lektion, die er einmal pro Woche jeweils montags erteilt, verabschiedet Silvan Tschopp wieder jedes Kind einzeln – auch jetzt natürlich mit Nennung des Vornamens.
Georg Stelzner
