Freitag, 28. August 2026
Sulgen. Der Damenchor Sulgen blickt auf eine lange Vereinsgeschichte zurück. Vor dem anstehenden 125-Jahre-Jubiläum spricht die langjährige Präsidentin Heidi Lehmann über Traditionen, Krisen und die Suche nach neuen Stimmen.
Wer heute an die Anfänge des Damenchors Sulgen zurückdenkt, blickt in eine völlig andere Zeit. Gegründet wurde der Verein einst von acht initiativen Frauen als «Töchterchor». Der Grund für den Zusammenschluss war damals nicht nur die reine Freude am gemeinsamen Singen, sondern auch ein gesellschaftlicher Aspekt. Zur Gründungszeit durften Frauen nicht einfach so in den Ausgang gehen. Ein eigener Verein bot den Frauen eine willkommene Gelegenheit zur Geselligkeit. Seither hat sich im Vereinsleben vieles verändert, was sich besonders im Liedgut widerspiegelt. Sang man in den Anfangsjahren vor allem von Friede und Heimat, so reicht das breite Angebot heute von traditionellen Liedern über Schlager bis hin zu fremdsprachigen Stücken.
Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Chors war das Jahr 1974. In diesem Jahr erhielt der Verein eine eigene Fahne. In den Jahrzehnten zuvor reisten die Sängerinnen noch mit einem einfachen weissen Tuch, das an einer Bohnenstange befestigt war, an die verschiedenen Gesangsfeste. Im Jahr 2012 folgte schliesslich der nächste grosse Schritt, als die alte Vereinsfahne im Rahmen eines grossen Festes durch eine neue ersetzt wurde.
Appenzeller nach der Probe
Geleitet wird der Verein von Heidi Lehmann, die mit zwei Unterbrüchen bereits seit über 20 Jahren das Amt der Präsidentin bekleidet. Sie schätzt die gute Kameradschaft und den starken Zusammenhalt unter den Frauen. In den zwei Jahrzehnten ihrer Amtszeit gab es viele emotionale Höhepunkte, zu denen gute Bewertungen an Sängerfesten und positive Rückmeldungen nach Unterhaltungen zählen. Aber auch traurige Momente wie die Verabschiedung und Beerdigung einer aktiven Sängerin prägten die Gemeinschaft. Konflikte werden im Verein offen ausgetragen. «Es fliegen keine Fetzen. Wir sind demokratisch und reden und diskutieren miteinander», erklärt die Präsidentin das harmonische Zusammenspiel. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Dirigentin ein. Auf sie ist stets Verlass; sie kennt die Sängerinnen gut und weiss genau, welche Lieder sie dem Chor zutrauen kann.
Nach den wöchentlichen Proben pflegen die Frauen die Geselligkeit in einem Restaurant. Es wird gequatscht, manchmal noch ein Lied gesungen und zum Abschluss oft ein Appenzeller bestellt. Das bevorstehende 125-Jahre-Jubiläum wird mit einem abwechslungsreichen Programm aus Gesang, Tanz und Musik sowie einem fröhlichen Beisammensein gefeiert.
Die Suche nach Stimmen
Hinter den Kulissen des Traditionsvereins zeigt sich jedoch eine ernste Situation. Vor etwa vier Jahren stand der Chor fast vor dem endgültigen Aus. Die verbliebenen langjährigen Sängerinnen sprachen sich jedoch vehement gegen das Ende aus. Lehmann erinnert sich an diese kritische Phase: «Die langjährigen Sängerinnen fanden, so schnell wird nicht aufgelöst. Denn auflösen kannst du nur einmal, danach ist aus, fertig, Schluss.» So wirtschaftete die Vereinsleitung mit den wenigen verbleibenden Frauen weiter, die noch an den Damenchor glaubten.
Heute zählt der Chor wieder genau acht Stammsängerinnen – exakt wie zur Gründungszeit. Dass das grosse Jubiläumsfest überhaupt stattfinden kann, verdankt der Verein treuen Projekt-Sängerinnen, die den Chor bei Anlässen regelmässig unterstützen. Ohne diese zusätzliche Hilfe aus der Bevölkerung wäre der Betrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten. Das Problem des Nachwuchsmangels ist fundamental. Viele Menschen möchten sich heute nicht mehr für wöchentliche Proben verpflichten, und das traditionelle Singen gilt bei Jüngeren oft als unmodern.
Die Zukunft nach den Jubiläumsfeierlichkeiten im September bleibt deshalb ungewiss, und der Vorstand muss die weitere Entwicklung abwarten. Der sehnlichste Wunsch der Präsidentin ist klar: «Wir hoffen auf ganz viele neue Sängerinnen, damit der Verein weiterhin bestehen kann. Sonst müssen wir uns wirklich mit dem Thema Auflösung beschäftigen. Und dies tut uns allen im Herzen weh.» Vorkenntnisse oder das Lesen von Noten sind für einen Beitritt nicht erforderlich. Einzig die Freude an der Geselligkeit zählt, denn Singen tut der Seele gut und ist laut der Wissenschaft gesund. Interessierte Frauen sind jederzeit eingeladen, unverbindlich in eine Probe hineinzuschnuppern.
Benjamin Schmid
Der Damenchor Sulgen ist 125 Jahre alt geworden. Dieses Jubiläum wird am Sonntag, 13. September, im Auholzsaal Sulgen gefeiert. Der Anlass startet um 13 Uhr mit einem Apéro und um 14 Uhr schliesst ein fröhliches Geburtstagsfest mit Gesang und Musik an. Der Eintritt ist frei. Es gibt eine Festwirtschaft.
