Freitag, 5. Dezember 2025

Bürglen. Wenn REMI DEMI mit dem Tanzstück «ver(ANTWORT)ung» in Bürglen auftritt, schliesst sich für Mitgründerin Jana Dünner ein Kreis. Sie kehrt selbstbestimmt an den Ort zurück, an dem sie als Kind sexualisierte Gewalt erlebt hat. Das abendfüllende Werk befasst sich vielschichtig mit sexualisierter Gewalt und der Frage nach Verantwortung.

Wenn am 13. Dezember im Bild-Rauschen-Studio in Bürglen das Licht gedimmt wird, feiert die junge Tanzkompanie REMI DEMI ein Heimspiel der besonderen Art. Mit «ver(ANTWORT)ung» präsentiert sie ihre neue Produktion erstmals im Thurgau – ein abendfüllendes Stück über sexualisierte Gewalt, das sich zwischen Körperlichkeit, poetischer Erzählung und gesellschaftlicher Analyse bewegt. Für Mitgründerin und Choreografin Jana Dünner, 28, heute in Zürich-Wipkingen wohnhaft, ist es zugleich eine Rückkehr an den Ort, an dem ihre künstlerische Reise ihren Ausgang nahm. «Mit Bürglen verbinde ich viele verschiedene Erinnerungen, vor allem Ruhe, Natur und Naivität», sagt sie. «Es ist eine Art ‹heile› Welt, die jedoch einen eher kleinen Horizont geboten hat als Tänzerin. Jetzt verbinde ich Bürglen hauptsächlich mit Erholung und Rückzug. Obwohl das nicht immer so war.»

Kunst als Ventil

«ver(ANTWORT)ung» ist in drei Akte gegliedert. Der erste führt das Publikum in einen Raum voller vertrauter Gegenstände: Teddybären, alte Partyoutfits, Fotoalben. Doch diese scheinbar harmlose Kulisse täuscht. Zwischen den Requisiten liegen Erfahrungen, die schmerzen, Situationen, in denen Schutz zwar nötig, aber nicht verfügbar war. Die Performenden entwickeln Strategien, um Übergriffen zuvorzukommen: das Handy stets griffbereit, der Standort geteilt, Getränke abgedeckt, Wege gemieden, Kleidung angepasst. Was nach Alltag aussieht, folgt einem Muster. Ein System, das stillschweigend davon ausgeht, dass Gefahr allgegenwärtig ist und dass die Verantwortung bei jenen liegt, die sich schützen wollen. «Wir möchten einen Raum schaffen, wo nachgedacht, beobachtet, mitgefiebert, mitgewütet, mitgerufen werden kann», sagt Dünner. «Vor allem wollen wir einen Abend, an dem sich Betroffene gesehen fühlen.» Dünner, die seit Kindheitstagen vom Bühnentanz fasziniert ist, sieht ihre Kunst als Ventil und Auftrag zugleich. «Ich hatte schon immer einen grossen Drang aufzutreten, meine Eltern nannten mich liebevoll ‹Rampensau›. Heute sehe ich es als Kompliment, denn ich brannte schon früh dafür, mich auf der Bühne auszudrücken. Jetzt ist es für mich auch eine Möglichkeit, mit Erfahrungen umzugehen und Personen zu ermutigen.»

Frage nach Verantwortung

Im zweiten Akt geht REMI DEMI der Frage nach, wie unsere Gesellschaft mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt umgeht. Es geht um Ungesagtes, um Versuche, Geheimnisse ans Licht zu bringen, um das Ringen um Glaubwürdigkeit. Die Tanzenden bewegen sich kraftvoll, fragil und fordernd. Jede Geste ist ein Versuch zu spüren, zu ergründen, was im Raum zwischen ihnen liegt. Eine Figur durchbricht das Geschehen, hält inne, öffnet neue Zwischenräume und lädt ein, gemeinsam auszuhalten. Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern wer bleibt, wer hinschaut, wer da ist – mitten im Unaussprechlichen. Dünner betont: «Wir wollen die schmerzvollen Fragen stellen, aber auch coolen Tanz zeigen.» Im dritten Akt steht die Möglichkeit der Versöhnung im Zentrum. Nicht als romantisierte Idee, sondern als Moment der Selbstermächtigung. Es ist der Punkt, an dem die Überlebenden die Scham zurückgeben: dorthin, wo sie hingehört – zum Täter.

Remi Demi wurde 2023 in Bürglen von Jana Dünner, Giulia Esposito und Astro Scheidegger gegründet. Die Mission: zugängliche, ehrliche und faire Tanzproduktionen schaffen. «Wir wollen Remmidemmi machen, auflockern, aufwecken, laut sein, heiter sein», erklärt Dünner. «Uns ist es ein Anliegen, Kunst zu machen, die verstanden werden kann und bei der für jede Person etwas dabei sein kann.» Die Tanzkompanie bewegt sich zwischen Streetstyles und zeitgenössischem Tanz – wobei Hip-Hop für REMI DEMI eine vitale, aktuelle und deswegen auch zeitgenössische Ausdrucksform ist. Neben den Proben trainieren alle regelmässig in Community-Zentren und sind aktive Stränge eines Netzwerks, das die Hip-Hop- und Streetdance-Kultur in der Schweiz belebt. Diese Verankerung prägt nicht nur die Tanzsprache auf der Bühne, sondern auch, wie REMI DEMI probt, kommuniziert und zusammenarbeitet. Auch die Arbeitskultur ist zentral. Wenn immer möglich sollen faire Löhne zahlbar sein. Antidiskriminierung, ein Verhaltenscodex, eine Careperson sowie tägliche Check-ins gehören zum festen Ablauf.

«Vor allem in Prozessen wie diesen von ‹ver(ANTWORT)ung› ist der Schutz aller Teilnehmenden sehr wichtig. Wir arbeiten bedürfnisorientiert und erörtern gerade, was es bedeutet, emotional nachhaltig zu arbeiten.» Technisch und atmosphärisch setzt REMI DEMI auf situative Lösungen: Der Kulturrausch in Bürglen soll mit all seinen Ecken bespielt werden. Musikalisch erwartet das Publikum unter anderem eigens produzierte Tracks von Musiker Claudius Leopold. Textpassagen auf Deutsch und Englisch helfen, Einordnungen zu schaffen. Interaktion ist vor und nach dem Stück möglich, aber stets freiwillig: «Immer, aber gerade bei sexualisierter Gewalt, ist Konsens sehr wichtig», betont Dünner.

Eine Premiere mit Wirkung

Mit dem Auftritt in Bürglen legt REMI DEMI den Grundstein für weitere Spielorte. Geplant ist eine Ausgabe in Bern; zudem zeigt die Kompanie am 7. Februar 2026 ihr abendfüllendes Stück «GIANT STEPS» im Phönix Theater in Steckborn, wo es darum geht, den eigenen Träumen zu folgen. Doch die Premiere von «ver(ANTWORT)ung» in Bürglen hat für Dünner eine besondere Bedeutung. «Ich bin sehr stolz, beim dritten Akt die Premiere von meinem Film seCURE zu feiern, den ich zusammen mit Zoé Kugler 2023 produziert habe. Dieser wurde schon international gezeigt in Seattle, San Francisco, Beirut, Wien, Berlin etc., aber noch nie im Thurgau. Das ist ein krönender Abschluss des Abends. Am Ende bleibt ein Wunsch an das Publikum: «Mitzulauschen, nachzudenken und sich einzubringen, wenn gewünscht», sagt Dünner. «Und den Mut mitzunehmen, Verantwortung zu übernehmen: für sich, für andere und für eine Gesellschaft, die hinschaut.» Die Premiere verspricht einen Abend voller Wucht, Fragilität und poetischer Klarheit und setzt ein wichtiges Thema dort auf die Bühne, wo es hingehört: mitten in die Gesellschaft.

Der Auftritt von REMI DEMI findet am Samstag, 13. Dezember, von 20.15 bis 22 Uhr im Bild-Rauschen-Studio an der Industriestrasse 6a in Bürglen statt. Türöffnung ist um 19.30 Uhr. Tickets unter eventfrog.ch.

Benjamin Schmid