Freitag, 27. Februar 2026

Sulgen. Der Damenchor Sulgen feiert 2026 sein 125-jähriges Bestehen. Doch während die Sängerinnen das Jubiläum vorbereiten, steht der Traditionsverein vor einer grossen Herausforderung: Mit nur noch acht aktiven Frauen ist die Zukunft ungewiss. Präsidentin Heidi Lehmann wirbt um neue Stimmen.

Es ist eine beeindruckende Zahl: 125 Jahre. So lange besteht der Damenchor Sulgen, ein Verein, der Generationen von Frauen zusammengebracht, Konzerte gestaltet und das Dorfleben mitgeprägt hat. 2026 soll dieses Jubiläum gefeiert werden. Und doch liegt über der Vorfreude auch ein leiser Schatten: Der Chor zählt aktuell nur noch acht aktive Sängerinnen. «Der Chor ist mein Baby», sagt Heidi Lehmann, 70, die seit 40 Jahren mitsingt und seit über zwei Jahrzehnten Vorstandsarbeit leistet. Einmal stand der Verein bereits vor der Auflösung. «Doch die Sängerinnen haben sich dagegen gewehrt. Wir wollten weitermachen.» Und so ziehen sie weiter. Mit Herzblut. Und mit Hoffnung. Kürzlich traf sich der Chor zur Hauptversammlung im Restaurant Löwen in Sulgen. «Es war eine speditive Versammlung», erzählt Lehmann. Mit nur acht Frauen sei es nicht einfach, ein attraktives Jahresprogramm aufzustellen. Geeignete Lieder für wenige Stimmen zu finden, sei eine Herausforderung. «Unsere Dirigentin weiss genau, was sie uns zumuten darf.» Meist singt der Chor dreistimmig – Sopran, Mezzosopran und Alt. Bei Konzerten werden sie von Projektsängerinnen unterstützt, sodass 12 bis 16 Stimmen zusammenkommen.

Zwischen Freude und Sorge

Die finanzielle Lage beschäftigt den Verein ebenso wie die Mitgliederzahl. «Nicht wegen zu wenigen Sängerinnen müssten wir schliessen, sondern wegen finanzieller Sorgen», sagt Lehmann offen. Die Ausgaben dürften die Einnahmen nicht übersteigen. Der Jahresbeitrag beträgt 100 Franken. Viel Spielraum bleibt da nicht. Wichtige Einnahmen generieren die Ständlisingen in Altersheimen. Am 29. April tritt der Chor im Altersheim Zedernpark in Weinfelden auf, am 30. April im Brünnliacker in Guntershausen bei Berg. «Die Bewohnenden haben meist Freude und ein Strahlen im Gesicht», erzählt Lehmann. Auch die Heimleitungen seien dankbar, Kaffee und Kuchen sowie ein kleiner Beitrag für die Vereinskasse seien selbstverständlich. «Es kommt oft mehr zurück, als wir geben.» Neben den Auftritten gehört die Vereinsreise fest dazu. «Das muss einfach sein», sagt Lehmann lachend. Ob ein Besuch in der Kambly-Guetzlifabrik, Nudeln machen im Entlebuch oder ein Ausflug mit Appenzeller als Lieblingsgetränk – die Reisen stärken den Zusammenhalt. «Wir erleben etwas, degustieren, probieren aus. Es wird nie langweilig.»

Jubiläum mit Herz

Am Sonntag, 13. September, soll im Auholzsaal in Sulgen gefeiert werden. Kein grosses Fest, sondern ein «Jubiläums-Geburtstagsfest im öffentlichen Raum». Kaffee und Kuchen, vereinzelte Tische statt Festbestuhlung, Lieder von früher, ein Gastauftritt und etwas mit Kindern sind geplant. «Alle sind eingeladen», betont Lehmann. Und doch stellt sich die Frage nach der Zukunft. «Die Tage des Vereins sind gezählt, wenn sich nicht etwas verändert», sagt sie nüchtern. Ohne Projektsängerinnen seien keine Konzerte möglich, mit nur acht Frauen könne kein Auftritt durchgeführt werden. «Wir wollen aber den Teufel nicht an die Wand malen, schliesslich stirbt die Hoffnung zuletzt.» Warum ist es heute so schwierig, Frauen fürs Singen zu begeistern? «Es gibt zu viele Alternativen», meint Lehmann. Viele wollten sich nicht verpflichten: wöchentliche Proben, Konzerte, Vorstandsfunktionen. Und viele glaubten, nicht singen zu können. «Dabei kann fast jeder Mensch singen. Man muss es einfach ausprobieren.»

Geprobt wird jeweils donnerstags von 18.45 bis 20 Uhr im Singsaal des Schulhauses Oberdorf in Sulgen. Während der Schulferien pausiert der Chor. «Man darf auch später kommen oder nur alle zwei Wochen erscheinen», sagt Lehmann. Vorsingen müsse niemand, zuhause üben sei keine Pflicht. «Wir sind ein Dorfverein. Perfektionismus ist fehl am Platz – aber wir wollen gut vorbereitet auftreten.»

Mehr als Musik

Was entgegnet sie jenen, die sagen, ein Damenchor sei nicht mehr zeitgemäss? Lehmann lächelt. «Singen ist gesund. Es senkt den Stress, setzt Glückshormone frei und stärkt das Immunsystem.» Und es sei eine analoge Alternative zum digitalen Alltag. «Wir treffen uns, wir reden, wir lachen. Wir Frauen tragen uns gegenseitig – komme, was wolle.» Die Konzerte seien Highlights. «Es kommt immer mehr zurück, als wir geben», sagt Lehmann. Dankbarkeit, strahlende Gesichter, gemeinsames Lachen. «Ich gehe stets aufgestellt nach Hause.» Was wünscht sie sich? «Dass wir gesund bleiben dürfen und dass noch mehr ­Frauen zu uns stossen.» In fünf Jahren? «Schön wäre es, wenn es den Damenchor Sulgen dann noch gibt.» Und mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: «Das 130-Jahr-Jubiläum wäre doch auch wieder ein Grund zum Feiern.»

Zum Schluss richtet sie sich direkt an die Sulgerinnen: «Kommt vorbei, ohne Erwartungen und ohne Verpflichtungen. Niemand muss vorsingen. Probieren geht über Studieren.» 125 Jahre Geschichte sind kein Selbstläufer. Doch solange Stimmen erklingen und Hoffnung mitschwingt, ist der Damenchor Sulgen noch nicht verstummt.

Benjamin Schmid